Aufsatz 
Die Gründung Fulda's / von Jakob Gegenbaur
Entstehung
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auf der zweiten Reiſe wird derſelbe angegeben, wobei freilich nicht feſtzuſtellen iſt, ob Sturmi dieſen Namen damals ſchon erfuhr oder erſt ſpäter. Das Gleiche gilt, als am dritten Tage Sturmi mit ſeinen Gefährten an den Fluß Luodera und dann in die Gegend des Ruohenbachs kam. Auf der dritten Reiſe unterſuchte Sturmi genau die Richtung der Thäler und Berge, den Lauf der Flüſſe, aber Namen derſelben führt er nicht an; von Anſiedelungen aber iſt auch nicht die leiſeſte Andeutung gegeben; ſicher würden dieſe erwähnt worden ſein, wenn deren vorhanden geweſen wären, zumal er ja alsbald die erſten Menſchen, die ihm auf dieſer Reiſe begegnen, anführt. Es iſt eine durch nichts begründete Annahme, daß Schlitz, Schlirf und Lüder ſchon damals vorhandene Niederlaſſungen geweſen ſeien. Die fraglichemilde Lage jener Orte wäre dem mit ſcharfen Blicken bewährten Kundſchafter wohl eher entgangen, als die auf ſeinem Wege liegenden Niederlaſſungen. Die deutſchen Namen dieſer Orte, slitisa, glatter Bach, sliraffe, Lehmbach, und lutaraha, lauterer Bach, kommen ſämntlich erſt in Urkunden am Ende des zehnten und im Anfange des elften Jahrhunderts vor.

Nachdem Sturmi nun bei Lüdermünd auch an das rechte Ufer der Fulda übergegangen iſt, ſieht er nichts als Wald und unbebaute Flächen. Erſt bei ſeinem weiteren Vordringen ſtößt er an die Gyſilaha(Gieſelbach), ſodann an die zweite alte Straße durch den Buchenwald den Ortesſweca, er⸗ fährt hier den Namen Aihloha und kommt an den Krezzibach. Das ſind alſo auf eine Entfernung von Fritzlar über Hersfeld nach Fulda im Ganzen ſechs Namen, darunter vier Flüſſe, eine öde Waldgegend und der Name einer alten Straße. Alle dieſe bereits Namen führenden Punkte liegen in unmittelbarer Nähe der alten Straßen, von denen wir beſtimmt wiſſen, daß ſie mindeſtens ſchon über ein Jahrhundert vor Sturmi, wahrſcheinlich aber noch viel früher, über dieſe waldigen Höhen hin führten, und daraus erklärt ſich alſo leicht der Umſtand, daß gerade an dieſen Stellen, zumal in der Nähe der Flußübergänge, welche einen längeren Aufenthalt der Heere ſowohl als der Kaufleute bedingten, dieſe wenigen Plätze ſchon früher Namen erhalten haben, ohne daß dadurch auch nur im Geringſten der geſammte Charakter des unbebauten und unbewohnten Landes ſich ändert, und es wird der durch die hiſtoriſchen Zeugniſſe erhärtete Satz, daß die Buchonia zur Zeit der Gründung Fulda's noch eine große unbewohnte Waldſtrecke war, nicht erſchüttert.

Anders würde ſich die Frage freilich ſtellen, wenn man die Lage ſo auffaſſen wollte, als ob die Buchoniaein voller Urwald geweſen wäre, den kaum jeeines Menſchen Fuß betreten habe; es würde dies ein Irrthum ſein, wozu aber auch in ſämmtlichen hiſtoriſchen Quellen keine Veranlaſſung geboten iſt. Wem verdanken wir nämlich gerade die erſten Nachrichten über die älteſten Heer⸗ und Königsſtraßen durch die Buchonia anders, als gerade Eigil, dem Biographen Sturmi's, demſelben, dem man gerade Uebertreibung und Entſtellung, freilich mit vollem Unrecht, vorgeworfen hat? Wir kennen überdies aus Fredegar die unbeſtrittene Thatſache, daß ſchon 640 das ganze Heer der Franken durch diebuchoniſche Wüſte ich bitte auch hier den AusdruckWüſte zu beachten gegen Radolf von Thüringen zog und wahrſcheinlich auch ſeinen Rückzug nach dem Rheine auf demſelben Wege nahm; wir erfahren ebenſo gerade aus Eigil, daß ſlaviſche Handelsleute von Thüringen nach dem Rheine ziehen und daß eine Verbindungsſtraße zwiſchen der Wetterau und dem Grabfelde be⸗ ſtand. Es ſind dies unwiderlegbare Zeugniſſe aus hiſtoriſcher Zeit. Aber auch dieſog. unterirdiſche

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