Aufsatz 
Die Gründung Fulda's / von Jakob Gegenbaur
Entstehung
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Was aber für die größere kirchliche Einigung gewonnen war, das diente zugleich auch dazu, die Machtſphäre des fränkiſchen Reichs zu erweitern. Daraus erklärt ſich das große Intereſſe, das Karlmann an dieſer neuen Stiftung nahm, indem er ein großes, weites Gebiet ſchenkte und alsbald Boten ausſandte, um jegliche etwaige Anſprüche auf Eigenthum ſeitens der Edlen des Grabfeldes zu beſeitigen. Daraus erklärt ſich das Zuſammenwirken geiſtlicher und weltlicher Macht bei der Thronbe⸗ ſteigung Pipin's und ſeiner Salbung durch Bonifatius, daraus erklärt ſich, daß Pipin die Unabhängig⸗ keit des Kloſters erweiterte, indem er dasſelbe in ſeinen beſondern Schutz nahm, ſo daß es fortan, wie in geiſtlicher Beziehung unter päpſtlicher Jurisdiction, ſo in weltlichen Dingen zum Theil unmittelbar unter dem Königsgerichte ſtand.

Die Bedeutung dieſer neuen Gründung und die Folge des dabei zu Tage getretenen Zuſammen⸗ wirkens zeigten ſich bald. Es war durch die Stiftung Fulda's eine geſicherte Stätte für die neu her⸗ vorſproßende geiſtige Bildung für die nächſten Jahrhunderte geboten; der Ausgangspunkt der unter den Sachſen arbeitenden Miſſion war das Kloſter Fulda, weshalb man auch ſpäter den Abt Sturmi den Apoſtel der Sachſen genannt hat; damit wurde zugleich auch die politiſche Unterwerfung der Sachſen eingeleitet, und daraus erklärt ſich der Haß der Sachſen gegen das Kloſter Fulda, der ſie im Jahre 778 antrieb, einen directen Angriff gegen dasſelbe zu planen.

So war Fulda gegründet in der Einöde Buchonias. Ich ſage in derEinöde mit dem Annaliſten Einhard, um damit beſtimmt auszuſprechen, daß jene große Waldgegend noch unbebaut und von dauernden Niederlaſſungen noch ganz unberührt war. Die hiſtoriſchen Beweiſe dafür finden ſich in den Briefen des hl. Bonifatius und den Biographieen Eigil's, Willibald's, in den Annalen von Fulda und Xanten, in den königlichen und Privaturkunden. Die Bezeichnungen und Zuſätze, mit denen die Buchonia hier erſcheint, ſind der Art beſtimmt und klar, daß man über den Charakter jener Gegend, in welcher Fulda gegründet wurde, nicht einen Augenblick im Zweifel ſein kann. Selbſt wenn man die in ſpätern Urkunden vorkommenden Bezeichnungen gewiſſermaßen als ſtehende Formeln anſieht, zumal ſich dieſe Ausdrücke noch in Urkunden aus einer Zeit finden, wo bereits längſt der urſprüngliche Charakter der Einſamkeit und Einöde durch Anſiedelungen, zum größten Theile wenigſtens, beſeitigt war; ſo wird man doch nicht umhin können, die für die erſte Zeit der Niederlaſſung laut ſprechenden Zeugniſſe als richtig anzunehmen, wonach die Buchonia eine große, einſame, unbewohnte und unbebaute Waldſtrecke war. Wie wollte man auch ein ſo überein⸗ ſtimmendes Zeugniß aller gleichzeitigen Quellen, Briefe, Annalen, Diplome und Schrift⸗ ſteller entkräften? Bilden dieſe nicht einen Beweis, den man zweifelfreier nicht hinſtellen kann? Allerdings! Und doch hat man Einwendungen zu machen verſucht. Man hat geſagt, überall, wohin Sturmi gekommen ſei, haben Bäche, Flüſſe ſchon Namen gehabt; es wäre dies doch bei gänzlicher Oede undenkbar geweſen. Dem gegenüber iſt Folgendes zu erwägen: Sturmi kommt auf ſeiner erſten Ent⸗ deckungsreiſe in eine Gegend der Buchonia, die jetzt, d. i. zur Zeit, wo Eigil dies ſchrieb,(im Anfange des neunten Jahrhunderts alſo) den Namen Herolfesveld führt; alſo zur Zeit der erſten Reiſe Sturmi's war der Name noch nicht vorhanden. Auf dieſer Reiſe wird nicht ein einziger Fluß oder Berg, geſchweige denn eine Wohnung, erwähnt, ja nicht einmal der Name des Fluſſes Fulda genannt. Erſt

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