Aufsatz 
Die Gründung Fulda's / von Jakob Gegenbaur
Entstehung
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Herrſchaft den wichtigſten Vorſchub, ſo, daß man mit Recht fragen kann, ob die fränkiſche Herr⸗ ſchaft mehr dazu beigetragen hat, die Thüringer und Heſſen zu bekehren, oder die Bekehrung dieſer, die Macht des Frankenreich's zu ſtärken. So durchdrangen ſich in dem Frankenreiche alle lebens⸗ kräftigen Elemente damaliger Zeit, chriſtlicher Geiſt mit germaniſchem Weſen, antike Bildung, römiſches Staatsleben, mit den freiheitlichen Einrichtungen der Franken. Im Frankenreiche kam es zuerſt zu klarer Erkenntniß, daß der germaniſche Geiſt und die chriſtliche Kirche einander bedurften, wenn ſie ihren weltgeſchichtlichen Beruf erfüllen ſollten. In dieſem Sinne, in dieſem Gefühle unabweisbarer Nothwendigkeit verbanden ſie ſich und durchdrangen ſich auf das Innigſte. Dazu ſchien aber nichts wichtiger, als daß die germaniſchen Stämme, die noch heidniſch waren, durch das Band gleichen Glaubens und einer gemeinſchaftlichen Kirchenverfaſſung dauernd an die fränkiſche Monarchie ſich anſchlöſſen.

Das abſterbende Geſchlecht der Merowinger hatte keine Ahnung und kein Verſtändniß für dieſen großen Gedanken, wohl aber die Arnulfingiſchen majores domus; Karlmann und Pipin auf der einen und Winfried Bonifatius auf der andern Seite ſind die Träger und Vollzieher dieſes Gedankens; die Stiftung Fulda's ging weſentlich aus dieſer Idee hervor. Zwar war in Baiern, Thüringen, Heſſen und Franken bereits das Chriſtenthum eingeführt, aber noch lagen im Süden, Norden, Oſten und Weſten die chriſtlichen Völker getrennt und abgeſperrt von einander durch einen breiten, langgeſtreckten Wald. Dieſe silva Buchonia erſtreckte ſich um die Mitte des achten Jahrhunderts ungefähr nordweſtlich von der Mündung der Schwalm in die Eder, bis hinauf auf die Höhen des heutigen Vogelgebirges, von da über die nördlichen und öſtlichen Abhänge dieſes Gebirges hinweg bis zur Sinn und bis zur fränkiſchen Saale im Süden, nach Oſten über die Waſſerſcheide zwiſchen Fulda und Main, das heutige Rhöngebirge, und ſodann über die weſtlichen Abhänge des Rhöngebirges bis zur Ulſter bei Vacha. Dichte Waldungen und ſteile Höhen ſchloſſen dieſes Land ab; es war eine Scheidewand, die erſt fallen mußte, um eine Verbindung unter den neuen chriſtlichen Schöpfungen her⸗ zuſtellen. Die Gründung Fulda's vollzog dieſen Act. Durch dieſe neue Niederlaſſung wurde das verbindende Glied zwiſchen Heſſen, Sachſen, Thüringen und Franken geſchaffen, die Iſolirung jener Stämme beſeitigt, gewiſſermaßen ein Tunnel durch die unzugänglichen Berge getrieben, die Brücke gegenſeitigen Verkehrs geſchlagen, der Ausbreitung des Chriſtenthums und der fränkiſchen Herrſchaft eine breite Bahn gebrochen.

Es handelte ſich alſo bei der Gründung Fulda's um höhere und größere Güter, als um die Er⸗ bauung einer Stätte fürmönchiſche, abgeſchiedene Asceſe. Für Bonifatius handelte es ſich vorzugsweiſe darum, ſeine neue Gründung, die, wie er ſelbſt zu Karlmann ſagt, von ſolchem Umfange ſein ſollte, wie in der vergangenen Zeit noch Niemand vor ihm ſolche gemacht habe, ſeinen Bisthümern möglichſt nahe zu bringen, es ſollte ein Mittelpunkt ſeiner neuen Schöpfungen werden, und das iſt nicht etwa aus dem ſpätern Erfolge erſt zu ſchließen, ſondern Bonifatius hat ſelbſt in ſeinem Briefe an den Papſt Zacharias erklärt, er habe dieſen Ort gewählt, weil erinmitten ſeines Miſſions⸗ gebietes liege und weil die vier Hauptvölker(Baiern, Franken, Thüringer und Heſſen) im Umkreiſe des Kloſters wohnten.