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Zwei Monate nach dieſer Beſitznahme, alſo am 12. Mai 744, erſchien Bonifatius mit vielen Arbeitern und ließ auf dem Platze, den er zur Gründung der Kirche am geeignetſten erkannt hatte, den Wald weiter roden und den Bau des Kloſters beginnen, das nunmehr von dem Fluſſe, an dem es lag, den Namen Fulda erhielt, und deſſen Gründung mit Ereigniſſen zuſammenfällt, die ſowohl auf kirch⸗ lichem, wie auf politiſchem Gebiete auf Jahrhunderte hin ziel⸗ und maßgebend waren und uns recht erkennen laſſen, welche Bedeutung dieſe junge Pflanzſtätte für die damalige Zeit hatte.
Nach den großen Kriegsſtürmen des 5. und 6. Jahrhunderts, die man gewöhnlich die Völker⸗ wanderung nennt, waren faſt alle germaniſche Stämme aus ihren früheren Wohnſitzen heraus in das Gebiet des römiſchen Reiches gerückt und hatten dort, was dem Schwerte anderer nachrückender Schaaren und ſonſtigen Kriegsſtürmen nicht erlegen war, unter den römiſchen Bewohnern jener Pro⸗ vinzen ihren nationalen Charakter verloren und ſich romaniſirt. Von dem großen Germanenvolke waren nur noch kleine Stämme, wie Frieſen, Chatten, Thüringer, und auch dieſe nur noch theil⸗ weiſe, in ihren urſprünglichen Wohnſitzen zurückgeblieben, während die nördlichen, zwiſchen Elbe und Weichſel gelegenen, früher germaniſchen Länder ſchon bereits im dritten Jahrhundert von ſlaviſchen Völkern in Beſitz genommen waren. Dieſe Slaven ſowohl, als die vordringenden Avaren, bedrohten mit ihren gefährlichen Streifzügen die Exiſtenz jener germaniſchen Stämme und es war ſo auch große Gefahr für die Selbſtſtändigkeit dieſer vereinzelt im alten Heimatlande gebliebenen Germanen vorhanden.
Die Gründung des mächtigen Frankenreichs und deſſen Ausdehnung auch auf die im Oſten noch wohnenden Stämme war darum für die Erhaltung des germaniſchen Weſens von der höchſten Bedeutung.
Während im Weſten des Reiches, wo die Franken zwiſchen den zahlreichen Römern anſiedelten, eine Verſchmelzung des römiſchen Weſens mit dem deutſchen, die Romaniſirung, vor ſich ging, hatte die Eroberung des Thüringerreichs durch die Franken die Bedeutung, dem germaniſchen Geiſte in der alten Heimat neue Kräfte zuzuführen, um ſo das unverfälſchte germaniſche Weſen in dem Oſtlande Auſtraſien zu ſtützen und zu bewahren. Zwar entſtand im fränkiſchen Reiche ſelbſt ein nationaler Gegenſatz, der ſich bis zu völliger Scheidung ſpäter zuſpitzte, allein durch die frühere Zuſammengehörig⸗ keit hatte das Oſtland einen ſtarken Rückhalt an der fränkiſchen Macht gehabt und auch ihm war das Weſentliche der römiſchen Bildung zugeführt worden, ohne daß das deutſche Volksthum verdrängt oder verwandelt worden wäre.
Das fränkiſche Reich hatte demnach die Löſung der Aufgabe übernommen, dem deutſchen Geiſte die antike Bildung vermittelnd zuzuführen, es ſtaatlich zu ſchirmen, aber es war ihm auch noch eine höhere Aufgabe geworden, dieſe oſtgermaniſche Welt mit dem Chriſtenthume zu durchdringen. Die chriſtliche Kirche übte von da eine imponirende Macht aus, und zwar fiel dieſe Macht um ſo mehr in die Wagſchale, da ſie durch das ganze Reich ein einiges geſchloſſenes Ganzes bildete und weſentlich an ihren feſten Stützpunkt, das fränkiſche Königthum, ſich anlehnte.
Dieſen Grundgedanken der damaligen Zeit hatte Bonifatius lebendig in ſich aufgenommen, und von dieſem Hauptgeſichtspunkte aus ſind denn nun vorzugsweiſe auch ſeine Einrichtungen und Thaten zu beurtheilen; er wahrte den Beſtand der deutſchen Nationalität und leiſtete der fränkiſchen


