— 5—
(Gieſel) in die Fulda zwiſchen Kohlhaus und Johannisberg; als er nun den Lauf der Fulda noch etwas weiter aufwärts verfolgte, kam er an die zweite alte Bergſtraße, den Orteswehe, welche hier bei dem heutigen Dorfe Ziegel durch eine Furt über den Fluß führte. Es war Abend; eben beſchäftigt, ſich und ſein Thier gegen die wilden Thiere zu verſchanzen, vernahm er ein Geräuſch im Waſſer, welches durch das Ueberſchreiten eines Pferdes mit ſeinem Begleiter durch den Fluß entſtand; es war ein Knecht, der das Pferd ſeines Herrn Orcis(Genitiv⸗Form) aus der Wedereiba in das Grabfeld brachte. Der⸗ ſelbe mußte dieſen Weg ſchon wiederholt zurückgelegt haben, denn er beſchrieb genau den Lauf des Baches und der Quelle und nannte den Ort, wo ſie gerade waren, Aihloha(Eichwald). In der Frühe des folgenden Tages ſchlug Sturmi die nördliche Richtung ein, während der Knecht ſeinen Weg nach Oſten fortſetzte. Von den öſtlich von Bronzell gelegenen Höhen ſtieg Sturmi herab und kam an den Krezzibach, der noch heute ſo heißt, verfolgte deſſen Richtung nordweſtlich, und kam nun an die Stelle, welche er frohlockend als den geeignetſten Platz erkannte.
Die Schönheit der Gegend, welche er während des Tages nach allen Richtungen hin durchforſchte, erfüllte ihn mit Entzücken und er zog noch am Abende nach Hersfeld zu ſeinen Gefährten mit der frohen Kunde und ſodann zu Bonifatius nach Großſelheim. Bonifatius billigte Sturmi's Wahl und eilte alsbald an das Hoflager, um den gefundenen Ort durch des Majordomus Genehmigung zum Geſchenke ſich zu erbitten. Es iſt dies im Herbſt 743. Sturmi wartete in ſeinem Eifer die Genehmigung zur Beſitznahme dieſes Ortes nicht ab, ſondern brach alsbald mit ſeinen Gefährten dahin auf. Als ſie dorthin kamen, fanden ſie mehrere Leute, das ſind die Edlen des Grabfeldes, welche den Ort als ihr Eigenthum in Anſpruch nahmen. Zufolge dieſes erhobenen Einſpruchs begab ſich Sturmi mit ſeinen Gefährten nach Chrihlari; in keiner ſpätern Urkunde kommt dieſer Name wieder vor, die Handſchrift ſchreibt ihn verſchieden; es iſt auch nicht einmal annähernd zu ſagen, wo er gelegen hat; daß er ein bewohnter Ort geweſen ſein muß, entnimmt man aus der Endung lar, d. h. Wohnung, lag aber jedenfalls außerhalb des beſtrittenen Gebiets. Dort brachten ſie den Winter über zu; Bonifatius erhielt inzwiſchen die Schenkungsurkunde von Karlmann und der Majordomus ſchickte alsbald ſeine Geſandte in das Grabfeld, um die Edlen zu verſammeln und ſie im Namen des Königs aufzufordern, ihren„etwaigen“ Eigenthumsanſprüchen in der Aihloha zu entſagen. Nachdem nun die Schenkung von allen Seiten beſtätigt war, begab ſich Sturmi, der dieſem Akte beigewohnt hatte, wieder nach Chrihlari, um ſeine Gefährten abzuholen und mit ihnen von der neuen Schenkung Beſitz zu nehmen.
Den 12. März des Jahres 743, dem erſten Monate des am 25. März mit Mariä Verkündigung damals beginnenden Jahres 744, betraten ſie ihr neues Eigenthum und begannen, mit eigenen Händen Bäume zu fällen, um die Stätte, ſoweit ſie es vermochten, zu ſäubern.
Die weithin dröhnenden Axtſchläge dieſer chriſtlichen Pioniere verkündeten laut, daß die wüſte Oede ſich verwandeln ſollte in ergiebiges Culturland und die Frühlings⸗ ſtrahlen der Sonne, auf denen der junge Lenz triumphirend über die knospenden Wipfel der Bäume heranzog, beleuchteten die Stätte und deuteten an, daß mit dem neuen Leben in der Natur auch ein neues geiſtiges Leben ſeinen Einzug in die Wildniß gehalten habe.


