Aufsatz 
Die neusprachliche Lektüre an den höheren Lehranstalten des Großherzogtums Hessen
Entstehung
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beſchränken mögen, ihre Rechnung finden und zwar für alle Zweige der fremdſprachlichen Lektüre ¹) Daß ſich einige oft und gerne geleſene Werke in der 1. Liſte für die franzöſiſche Lektüre nicht verzeichnet finden, hat wohl ſeinen Grund darin, daß die Gutachten der Kommiſſionsmitglieder i. B. auf dieſe Werke nicht zahlreich genug eingelaufen ſind, um die bedingungsloſe Brauchbarkeit der betr. Ausgaben konſtatieren zu können. Vorausſetzung für die Benutzung der Kanonliſten von Seiten der Lehrer bleibt naturgemäß immer, daß dieſelben nach gewiſſen Zeiträumen revidiert und ergänzt werden, da gerade hier eine Veraltung gar zu leicht eintritt.

Alle in den Kanonliſten für den Schulunterricht als bedingslos brauchbar anerkannten Schulausgaben nun auch in die Klaſſenlektüre der einzelnen Anſtalt aufzunehmen, iſt durchaus nicht wünſchenswert; auch jetzt dürfte es ſich noch dringend empfehleu, eine beſchränkte Anzahl von Schriften aus jeder der verſchiedenen Kategorien, alſo Geſchichte, Erzählung und Schilderung und Drama auszuſuchen und innerhalb dieſer engeren Wahl einen Turnus eintreten zu laſſen. Daß hier und da ein Werk mit allgemein wiſſenſchaft- lichem, geographiſchem oder dgl. Inhalt hinzutritt, iſt gewiß nicht abzuweiſen, dagegen bleiben wohl alle Werke rein techniſchen Inhalts unſeren höheren Schulen am beſten fern.

Wenn die Auswahl auf dieſe Weiſe vorgenommen wird, wird ſich ſicherlich im Laufe der Zeit eine gewiſſe Stetigkeit des Leſeſtoffes herſtellen laſſen, ſoweit eine ſolche überhaupt möglich und wünſchenswert iſt, und eine Reihe von guten Autoren werden, mit Ausſchluß alles Minderwertigen, das alleinige Heimats⸗ recht an unſeren höheren Schulen erwerben, das ſie jetzt mit einer ſehr gemiſchten Geſellſchaft von zum Teil höchſt fragwürdigen Eindringlingen teilen müſſen. Es ſoll natürlich nicht damit geſagt werden, daß neue, gute Erſcheinungen, die ja bei den in fortwährendem Werden begriffenen Litteraturen der modernen Völker nie ausbleiben werden, ſoweit ſie ſich, nach ſorgfältiger Prüfung, für die Schule eignen, ausge⸗ ſchloſſen werden ſollen. Keineswegs; es liegt in der Natur der Sache, die Spezialkanons, ſeien es nun ſolche für die einzelne Anſtalt oder ſolche für ganze Schulgattungen, von Zeit zu Zeit, ſagen wir von 3 zu 3 Jahren, einer genauen Durchſicht zu unterwerfen, Veraltetes auszuſcheiden, anderes aufzunehmen oder auch Gutes durch Beſſeres zu erſetzen; und dieſe Durchſicht hat ſich nicht nur auf den Schriftſteller oder deſſen Werk, ſondern auch auf die zu benutzenden Ausgaben zu beziehen. Nur iſt bei jeder Neuerſcheinung die größte Vorſicht, die ſorgfältigſte Prüfung der event. Brauchbarkeit für die Schule nötig; im Übrigen ſind unſere Schulen, ſelbſt für die weitgehendſten Anſprüche auf Jahre hinaus mehr als hinreichend mit Lektüreſtoff verſehen und es iſt den Kollegen gewiß nicht zu verübeln, wenn ſie allen Neuanpreiſungen mit einiger Skepſis gegenüberſtehen.

Prüfen wir nun noch kurz die Fragen: Wie viel iſt etwa im Laufe eines Schuljahres in den einzelnen Klaſſen zu leſen? und auf welcher Klaſſenſtufe iſt mit der zuſammenhängenden Schriftſtellerlektüre zu be⸗ ginnen? Auch in Bezug auf dieſe beiden Punkte ergeben die Programme weitgehende Unterſchiede. Während einige Klaſſen im Jahre nur 1 Werk leſen, beſchäftigen ſich andere mit 2, 3, ja 4 Werken(bezw. Schul⸗ ausgaben der am meiſten bevorzugten Verlagsbuchhandlungen, wie Velh.⸗Klaſing, Renger, Gärtner, deren Umfang ja zumeiſt für 1 Semeſter zugeſchnitten iſt). Mir will ſcheinen, daß 4 zuſammenhängende Werke in 1 Schuljahre zu bewältigen, entſchieden des Guten zu viel iſt und daß dies nur auf Koſten der Gründ⸗ lichkeit durchgeführt werden kann; ebenſo dürfte aber auch, wenigſtens für O II und I, ſowie Kl. I der Realſchule, im Falle kein Leſebuch daneben im Gebrauch iſt, die Beſchäftigung mit ein und demſelben Werke für ein ganzes Jahr zu wenig ſein und für Lehrer und Schüler die Luſt und das Intereſſe am Stoffe zum großen Teil wegnehmen. Im Großen Ganzen laſſen ſich natürlich grade hierüber allgemein giltige Normen am allerwenigſten aufſtellen, da ebenſowohl der Standpunkt der betr. Klaſſe, als auch die Schwierigkeit und die Länge des zu leſenden Werkes zu berückſichtigen iſt. Wie wir oben, bei den ſtatiſt. Bemerkungen geſehen haben, iſt die Zweizahl als goldene Mitte am meiſten zu empfehlen; ein Werk für

¹) Üüber Zweck und Weſen der Kanonliſten vgl. Verhandlungen des 7. Neuphil.⸗Tages pag. 28 f.