Aufsatz 
Die neusprachliche Lektüre an den höheren Lehranstalten des Großherzogtums Hessen
Entstehung
Einzelbild herunterladen

22 jedes Semeſter iſt wohl für die 3 oberen Klaſſen der Vollanſtalten, ſowie Kl. I der Realſchule am meiſten angemeſſen. Ob in U II ſowie Kl. II der Realſchule 2 Werke im Jahre zu leſen ſind, hängt vom Stand⸗ punkt der Klaſſe ab; bei Mitbenutzung einer Chreſtomathie genügt entſchieden eine zuſammenhängende Schrift; ob in O III, reſp. U III überhaupt Schriftſtellerlektüre zu betreiben iſt, darüber ſind die Anſichten ſo geteilt, daß ich mir hierüber kein Urteil erlaube.

Nehmen wir für O III ein Schriftwerk, für die übrigen Klaſſen je 2, ſo ergiebt dies 9 zuſammen⸗ hängende Werke für jede Schülergeneration einer Vollanſtalt; bei ſpäterem Beginn der Lektüre event. nur 7 Werke(das Engliſche am Gymnaſium natürlich ausgenommen). Für die Realſchule würden 3 Werke, 1 für Kl. II und 2 für Kl. I wohl genügen, da hier das Leſebuch kaum zu entbehren iſt; ohne Chreſto⸗ mathie und bei Beginn der Schriftſtellerlektüre in Kl. III, würden 5 Werke in Betracht kommenn).

Solange die Chreſtomathiefrage nicht endgiltig geregelt iſt, iſt auch die Frage, auf welcher Klaſſen⸗ ſtufe die Schriftſtellerlektüre zu beginnen hat, ſchwer zu beautworten. Während an der einen Anſtalt die Lektüre ſchon in O III beginnt(ganz vereinzelt in U III), fangen andere erſt in UII, ja O II an und benutzen bis dahin das Leſebuch. Bis jetzt hängt dies gänzlich vom Belieben des jeweiligen Fachlehrers, bezw. Direktors ab. Im Intereſſe eines einheitlichen Betriebes wäre aber eine Regelung auch dieſer Frage ſehr zu wünſchen. Auch dürfte, was für die klaſſiſche Philologie ſchon ſeit Jahren Uſus iſt, daß beiſpiels⸗ weiſe Cornel in IV, Caeſar in III geleſen wird, ſich gewiß, mutatis mutandis, auch für die modernen Sprachen erreichen laſſen. Nur bei einheitlichem Beginn und Betrieb der Lektüre kann es vermieden werden, daß Schüler beim Übertritt von einer Anſtalt in die andere ſo verſchiedenartig vorgebildet ſind und ſich ſo ſchwer in den neuſprachlichen Unterrichtsgang einer anderen Anſtalt finden können, wie dies zum Teil jetzt noch der Fall iſt.

Anhang.

Jenrich(a. a. O. p. 22 ff.) ſtellt für den franzöſiſchen Unterricht am Gymnaſium, nach Ausſcheidung aller für die Schule weniger geeigneten Leſeſtoffe, einen Schulkanon von etwa 40 Werken zuſammen, nach Klaſſenſtufen und Gruppen geordnet, der wegen ſeiner Ueberſichtlichkeit gewiß jedem Kollegen zur Durch⸗ ſicht empfohlen werden darf. Wenn ich mir in der folgenden ganz allgemein gehaltenen überſicht erlaubt habe, unter Zugrundelegung der, nach Ausweis der obigen Tabellen, bei uns geleſenen, ſowie mit Hinzu⸗ ziehung anderer, allſeitig als empfehlenswerte Klaſſenlektüre anerkannter Werke, eine Reihe von Schriften als kanoniſche Lektüre, gewiſſermaßen alseiſernen Beſtand vorzuſchlagen, ſo bitte ich, dieſe Zuſammen ſtellung nur als das zu nehmen, was ſie ſein ſoll, als einen Vorſchlag, auf Grund deſſen, nach reiflicher Erwägung aller maßgebenden Faktoren, ein einigermaßen feſter Plan für unſere Klaſſenlektüre zu erreichen iſt. Subjektive Anſchauung, beſondere Vorliebe für den einen oder anderen Autor, Rückſicht auf den Standpunkt der Klaſſe und das Ziel der Schule werden dann immer noch genügend weiten Spielraum haben. Die Angabe der Klaſſenſtufen und Ausgaben ſchließt ſich teils an Kreßner's Führer, teils an die Kanonliſten an, teils iſt ſie Ergebnis eigner Beobachtung im Schuldienſt.

¹) Bgl. Münch, Did. und Meth. pag. 85:Für dieſe Schulen(d. h. die 6klaſſige Realſchule) iſt aus allen Gründen eine Chreſtomathie, oder vielmehr ein gutes Leſebuch das Empfehlenswerte.