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Wenn ferner Prof. Tobler(Herr. Arch., Bd. 95, p. 331) ausruft:„Man möchte wünſchen, ein tüchtiges Leſebuch, das in nicht winzigen Portionen Proben vom Beſten gäbe, ſchlüge all den kleinen Kram in die Flucht“, ſo iſt dieſer Stoßſeufzer vollauf berechtigt.
Daß natürlich neben vielem Minderwertigen und Unbrauchbaren in den verſchiedenen Sammlungen von franzöſiſchen und engliſchen Schulausgaben eine ſtattliche Reihe von guten und ſehr guten Bearbei⸗ tungen ſich findet, wird gewiß von Niemand beſtritten werden und es iſt nur zu wünſchen, daß gerade auf dieſe ſich die Aufmerkſamkeit der Lehrerwelt mehr und mehr richten möge. Auf dieſe Ausgaben hingewieſen und ſie zuſammengeſtellt zu haben, iſt wohl als das Hauptverdienſt der Männer anzuſehen, die ſich um das Zuſtandekommen der Kanonliſten bemüht haben und noch bemühen.
Es ſei mir, im Anſchluß an obige Bemerkung Toblers, geſtattet, die Frage:„Chreſtomathie oder zuſammenhängende Schriftſtellerlektüre?“ hier kurz zu erörtern; denn wenn ich auch die Lektüre an der Hand von Leſebüchern in dieſer Zuſammenſtellung außer Betracht gelaſſen habe, hauptſächlich wegen der unbeſtimmten diesbezüglichen Angaben in den Programmen, ſo verdient ſie doch hier einige Worte, umſo⸗ mehr als unſere Lehrpläne für die 3 Schulgattungen die Benutzung von Chreſtomathien ausdrücklich vor⸗ ſchreiben.1) Daß die Lektüre nach einer guten, den Forderungen der Neuzeit entſprechenden Chreſtomathie dem jetzigen unhaltbaren Zuſtande der willkürlichen Auswahl von Einzelſchriftſtellern unbedingt vorzuziehen iſt, darin dürften mir wohl nicht wenige Fachmänner beiſtimmen; daß jedoch eine, ſtreng nach einem wohlerwogenen Kanon geregelte, ſyſtematiſch fortſchreitende, hiſtoriſche, erzählende und dramatiſche Stoffe gleichzeitig berückſichtigende Lektüre zuſammenhängender Werke dem Leſebuche wieder vorzuziehen iſt, iſt auch nicht zu beſtreiten.
In dem Lehrplan für die heſſiſchen Gymnaſien heißt es pag. 9:„Zur Lektüre dienen gute Chreſtomathien; in dem Leſebuch für die oberen Klaſſen ſollen die wichtigſten Gattungen der franzöſiſchen Litteratur in ihren Hauptrepräſentanten(ſeit Ludwig XIV) vertreten ſein; daneben können ganze Werke geleſen werden.“ Ähnlich in dem Lehrplan für Realgymnaſien, nur daß es hier nicht heißt„können geleſen werden“, ſondern„werden geleſen“. Wie es ſich gegenüber dieſen Beſtimmungen an den verſchiedenen Anſtalten unſres Landes in der Praxis verhält, ob überall die Chreſtomathien im Gebrauch ſind, wage ich hier nicht zu entſcheiden. Bei Durchſicht der Programme ſchien mir bei einigen Anſtalten die Lektüre vorzugsweiſe an der Hand von Leſebüchern betrieben zu werden, andere ſcheinen ganz vom Gebrauch derſelben abzuſehen. Ob überhaupt eine, nach einem beſtimmten Plane, von O III oder UII an aufgebaute Schriftſtellerlektüre an der Hand von Schulausgaben ſich mit der Chreſtomathielektüre vereinbaren läßt, ob bei den mannig⸗ fachen anderen Aufgaben des fremdſprachlichen Unterrichts überhaupt dazu Zeit iſt, will mir ſehr fraglich erſcheinen. Eine beſtimmte Willensäußerung der vorgeſetzten Behörde wäre hier gewiß ſehr wünſchenswert, denn die Lehrer der neueren Sprachen befinden ſich in einem Dilemma. Wenn für die neueren Sprachen neben der Lektüre„zuſammenhängender proſaiſcher und poetiſcher Werke“ eine Chreſtomathie benutzt werden ſoll, in der ebenfalls die bedeutendſten Repräſentanten der franzöſiſchen Litteratur durch„größere Stücke“ vertreten ſind, ſo iſt in der Praxis das Verlangen der Lehrpläne nicht gut durchführbar; oder, wenn es durchgeführt werden ſoll, kommt beides zu kurz. Es müßte denn ſein, daß die kurſoriſche oder die Privat⸗ lektüre ſtärker betont würde; ob hierbei jedoch, bei dem Maſſenunterricht mehr herauskommt, ob bei der Privatlektüre, die doch nur Wert hat, wenn ſie einer genauen Kontrolle unterſtellt iſt, nicht eine Ueber⸗
¹) Nach Ausweis der Programme(ſoweit überhaupt eine Angabe vorhanden) wurden benutzt:
Im Franzöſiſchen: 1. Plötz, Lectures choisies, 5 mal(iſt wohl mehr verbreitet). 2. Plötz, Manuel de la litt. franç., 2mal. 3. Herrig und Burguy, la France litt., 3 mal. 4. Lüdecking, frauz. Leſebuch, 3mal. 5. Wers⸗ hoven, franz. Leſebuch, 1 mal. 6. Meurer, franz. Leſebuch, 3 mal. 7. Gruner, franz. Chreſtom., 1 mal. 8. Wol⸗ ters, Frankreich, Geſchichte, Land und Leute, 1 mal. 9. Stern, franz. Leſebuch, 1 mal.
Im Engliſchen: 1. Lüdecking, engl. Leſebuch, 2mal. 2. Wershoven⸗Becker, engl. Leſebuch, 4mal. 3. Herrig, The British Classical Authors, 1 mal. 4. Koch, engl. Leſebuch, 1 mal. 5. Deutſchbein, Method. Irving⸗Macaulay Leſebuch, 4 mal.


