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der Buchhandlungen hervorgeht? Kann ſich die Erweiterung und Vermehrung des Leſeſtoffes nicht in den engſten Grenzen halten? Man vergleiche nur, wie vorſichtig wir in der Aufnahme moderner deutſcher Schriftſteller, und ſeien ſie noch ſo ſehr für die Schule geeignet, in den Kanon unſrer deutſchen Schul— lektüre ſind. Es muß ſchlecht um unſere Litteratur beſtellt ſein, wenn wir unſeren Schülern alles Mögliche, was die franzöſiſche und engliſche moderne und modernſte Litteratur produziert, unbedenklich als ſprachlich und inhaltlich muſtergiltig vorlegen(denn nur ſolches ſollten doch eigentlich alle Schulausgaben enthalten), während moderne deutſche Leiſtungen ſtreng von der Schule ferngehalten werden.
So leicht es für den Lehrer der klaſſiſchen Sprachen, für die ſich ſeit langer Zeit ſchon ein feſt⸗ ſtehender Kanon von Autoren eingebürgert hat, an dem vorerſt Niemand zu rütteln wagt, iſt, einen paſſenden und nutzbringenden Leſeſtoff für ſeine Klaſſe auszuwählen und die richtige Ausgabe zu treffen, ſo gering die Verſuchung hier ſelbſt für einen noch unerfahrenen Lehrer iſt, einen Fehlgriff zu begehen, ſo ſchwer iſt es für den Neuphilologen, aus der Überfülle des gebotenen Materials das Richtige, für ſeine Schüler Paſſende herauszufinden. Und gerade heute, wo doch die Lektüre im Mittelpunkt des ſprachlichen Unterrichts ſteht, ſollte umſomehr darauf geſehen werden, daß nur anerkannt guter, erprobter Leſeſtoff der Jugend vorgelegt wird und daß die Maſſe von mittelmäßigen oder inhaltlich und ſprachlich für Schul⸗ zwecke ungeeigneten Stoffen unbarmherzig über Bord geworfen wird, mag im übrigen die Bedeutung des betr. Autors im Rahmen der fremdländiſchen Litteratur ſo groß ſein, wie ſie will.
Wenn wir aus Kreßner's Führer ¹) durch die franzöſiſche und engliſche Schullitteratur erſehen, daß nur von den bekannteſten Verlagsfirmen über 900 Bändchen für die franzöſiſche Lektüre und über 500 für die engliſche herausgegeben wurden, wenn wir erwägen, daß ſich ſeitdem dieſe Zahl um ein bedeutendes vermehrt hat, ſo daß die Zahl 2000 wohl ſchon überſchritten iſt, ſo ergiebt ſich für jeden Klarſehenden aus dieſen Zahlen allein, wo der Krebsſchaden in unſrer Frage liegt. Er liegt in der Überproduktion: die Verlagsfirmen, in Verbindung mit den Herren Herausgebern, arbeiten mit einem Eifer und einer Schnelligkeit, daß häufig die Frage der Brauchbarkeit für die Schule und des Bedürfniſſes kaum erwogen worden zu ſein ſcheint. Und faſt alle dieſe Neuerſcheinungen werden irgendwo und irgendeinmal als Klaſſenlektüre benutzt, wenn auch zum Glück nicht wenige von ihnen ein Eintagsleben führen und nach kurzer Blüte zur Vermehrung der Makulatur beitragen mögen.“²) Sich in dem buntſcheckigen embarras de richesse zurechtzufinden, iſt ſchon für den erfahrenen und in der Schullitteratur bewanderten Fachmann eine harte Nuß; für den jüngeren Lehrer iſt die Ueberſicht über die Maſſe eine Unmöglichkeit, er ſteht ihr hilflos gegenüber. Wie wichtig gerade die Frage der Auswahl der Lektüre iſt und wie dringend notwendig eine Beſſerung der geradezu unhaltbaren Zuſtände iſt, hat ſchon im Jahre 1895 der hier gewiß als Autorität geltende Geh. Reg.⸗Rat Münch mit folgenden Worten gekennzeichnet(Did. u. Meth. des franz. Unterr., p. 43):„Die Zahl der nach und nach vorgeſchlagenen oder verteidigten Werke iſt in's Ungeheuere geſtiegen. Wenn die franzöſiſche Lektüre ſchon vor Jahrzehnten einem vielköpfigen Monſtrum verglichen wurde, ſo ſind dieſem ſeitdem noch unvergleichlich viel mehr Häupter nachgewachſen. In ſtets raſcherem Tempo vermehrte ſich die Anzahl; es wird im Edieren eine fieberhafte Thätigkeit entwickelt, das Leben der Börſe ſcheint ſich in dieſe Welt zu übertragen.“
¹) Führer inh die franz. u. engl. Schullitt.; zuſammengeſtellt von einem Fachmann. Wolfenbüttel 1894, Nachtrag 1897.
²) Vgl. Ad. Hemme in„Apogryphen unter den für den Schulgebrauch herausgegebenen franz. Autoren“ in Zs. für neu⸗ franz. Spr. u. Litt. VII, p. 190:„Wir ſind leider bei einer Üüberproduktion in der Veranſtaltung von Schulautoren angelangt... Ein wirkliches oder eingebildetes Bedürfnis der Abwechſelung, Vorliebe für das Neue, Sorgloſigkeit und Willkür, Mißverſtändnis und Unklarheit über die Ziele, zuletzt, und nicht am wenigſten die Achtung vor dem Anſehen der Unternehmer und Herausgeber, haben den meiſten von ihnen bereits gelegentlich Eingang verſchafft und drohen profanem vulgus dauernde Aufnahme in den Tempel der Jugenderziehung zu ſichern. Nicht lange wird es dauern und unſere Schriftſteller bilden eine ſtark gemiſchte Geſellſchaft, welche freudiger Belebung und geiſtiger, ſowie ſittlicher Förderung nicht mehr recht fähig iſt.“(NB. dies gilt für 18821! heute ſteht es nicht beſſer.)


