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Einen weiteren trefflichen Anhaltspunkt gewähren uns die beiden Aufſätze von Georg Reichel(p„die neuſprachl. Lekt. an den höh. Lehranſt. Preußens“ in„Neuere Sprachen“, Bd. VI, Heft 3 u. 4) ¹), in denen die geſamte franzöſiſche und engliſche Lektüre der preußiſchen Anſtalten zuſammengeſtellt und ſtatiſtiſch bearbeitet iſt für das Schuljahr 1897/98. Gerade dieſe Arbeit giebt uns ein treffliches Bild der Zer⸗ fahrenheit und Planloſigkeit, die auf dieſem Gebiete des neuſprachlichen Unterrichts herrſcht. Wenn Reichel bei ſeiner Zuſammenſtellung nur ein Schuljahr berückſichtigt, ſo iſt dies bei der Fülle des zu bearbeitenden Stoffes(Programme von 596 Anſtalten) begreiflich, aber bei der Größe des Gebietes, über das ſich die Betrachtung erſtreckt, auch vollauf genügend, da bei einer ſo großen Zahl von Anſtalten gewiß alle in Betracht kommenden Autoren vertreten ſein dürften. Anders verhält es ſich jedoch bei einem kleinen Gebiete, wie Heſſen, mit ſeinen 24 höheren Lehranſtalten(10 Gymnaſien, 3 Realgymnaſien, 1 Oberreal⸗ ſchule, 10 Realſchulen; die höheren Mädchenſchulen und höheren Bürgerſchulen ſind hier nicht mit berück— ſichtigt). Hier ſich auf 1 Schuljahr zu beſchränken, wäre nicht am Platze geweſen, da der Überblick nur ein unvollkommener und mangelhafter geweſen wäre und kein richtiges Bild der Geſamtlektüre gegeben hätte. Ich habe deshalb die 5 letzten Schuljahre(1894/95— 1898/99) in den Kreis meiner Betrachtung gezogen und auf Grund der mir vorliegenden Jahresberichte die unten folgenden Tabellen aufgeſtellt.
Leider iſt in gar mancher Beziehung das in den Programmen vorhandene Material ein recht un⸗ vollkommenes und lückenhaftes. Drei Anſtalten(1 Oberrealſchule, 2 Realſchulen) veröffentlichen überhaupt keinen Bericht über die Schüllektüre, andere laſſen den Bericht in einzelnen Jahrgängen weg, bei wieder anderen ſind die Angaben zum Teil ſo unklar gefaßt, daß ſich nur ſchwer ein zuverläſſiger Auszug daraus entnehmen ließ. Ich glaube, es darf nicht unbeſcheiden genannt werden, wenn hier der Wunſch aus— geſprochen wird, daß alle Herren Direktoren eine genaue Aufzählung der behandelten neuſprachlichen Lektüre ihren Jahresberichten einverleiben und dabei darauf ſehen möchten, daß die Angabe der Schriftſteller und ihrer Werke, nebſt Angabe der betreffenden Ausgaben klar und überſichtlich erfolgt. Ebenſo könnte bei⸗ gefügt werden, ob der betr. Schriftſteller nur mit Auswahl, ob er kurſoriſch oder ſtatariſch oder als Privat⸗ lektüre geleſen wurde. Alle dieſe Angaben dürften den Umfang des Programms höchſtens um 3—4 Zeilen vergrößern und einer eventuellen ſpäteren Durchſicht zum Zwecke der Vergleichung große Erleichterung bieten. ²)
Wenn wir die Fülle von neuſprachlichen Schulausgaben, die insbeſondere im Laufe der beiden letzten Jahrzehnte von den Verlagsbuchhandlungen auf den Markt geworfen worden ſind, vergleichen mit der beſcheidenen Anzahl von Werken unſerer vaterländiſchen Litteratur, die dem Schulunterricht dienſtbar gemacht worden ſind; wenn wir ferner in Erwägung ziehen, mit einer wie geringen Anzahl von Werken deutſcher Autoren man ſich an franzöſiſchen oder engliſchen Schulen begnügt, ſo muß doch dies zu denken geben und Niemand wird leugnen können, daß auf dieſem Gebiete in unſerem Vaterlande entſchieden des Guten zu viel gethan wird. Warum muß gerade im neuſprachlichen Unterricht ein ſteter Wechſel des Leſeſtoffes eintreten, warum muß ſich gerade hier ein fortwährendes Suchen nach neuen Schulautoren bemerkbar machen, ſo daß eine Stabilität des Leſeſtoffes nie und nimmer eintreten kann? Zwar iſt das Beſſere der Feind des Guten, aber ſind denn wirklich alle Neuerſcheinungen auch als Verbeſſerungen an⸗ zuſehen? AÄhnlich ſtabile Verhältniſſe, wie ſie auf dem Gebiete der alten Sprachen herrſchen, ſind hier natürlich ausgeſchloſſen; die ſtets Neues hervorbringende Litteratur der modernen Völker verlangt auch eine ſtete Aufnahme des Beſten und Bewährteſten, was auf dem Büchermarkt erſcheint. Aber iſt es nötig, daß dieſer Zuwachs in jedem Jahre ſich auf Dutzende von Bänden beläuft, wie es aus den Katalogen
¹) Ein 3. Artikel in„Neuere Spr.“, Bd. VII, H. 6, behandelt die neuſprachl. Lehrbücher an den preuß. Aunſtalten. ²) Vgl. über dieſen Punkt auch Reichel,„Neuere Spr.“, Bd. VII, H. 6, p. 385 f.


