In der Beſchränkung zeigt ſich erſt der Meiſter. Goethe.
Wenn ich es unternommen habe, in den nachfolgenden Zeilen die franzöſiſche und engliſche Lektüre an den höheren Lehranſtalten unſeres engeren Vaterlandes einer näheren Betrachtung zu unterziehen, ſo geſchieht dies hauptſächlich aus dem Grunde, meinen Herren Fachkollegen einen Überblick zu geben über das, was innerhalb der letzten Jahre an den heſſiſchen Anſtalten geleſen worden iſt, ferner, um das vorliegende Material an Lektüreſtoff zu ſichten und dem Umhertaſten bei der Auswahl einer paſſenden Klaſſenlektüre wenigſtens in etwas zu ſteuern. Der Verfaſſer will keineswegs die kritiſche Sonde anlegen an den Wert oder Unwert der geleſenen Schriften, er will ſich durchaus kein Urteil anmaßen über Lektüreſtoffe, die der einzelne für gut befunden hat, für ſeine Klaſſe auszuwählen; er will zunächſt lediglich Material vorlegen und an der Hand der vergleichenden Statiſtik nachweiſen, welche Schriftſteller, bezw. welche Werke derſelben an den verſchiedenen Anſtalten und in den einzelnen Klaſſen geleſen wurden, wie viel im Laufe des Schul⸗ jahres an Lektüreſtoff durchgenommen wurde, welche Werke bevorzugt wurden und welche weniger Anklang fanden. Naturgemäß beziehen ſich alle dieſe Zuſammenſtellungen lediglich auf die zuſammenhängende Lektüre, d. h. auf das Leſen von Autoren an der Hand von Schulausgaben, nicht etwa auf diejenige, die ſich an ein Leſebuch oder eine Chreſtomathie anſchließt; letztere kann deshalb hier, wenigſtens inhaltlich, außer Betracht bleiben. Dagegen empfiehlt es ſich umſomehr, die beſſernde Hand anzulegen an einen wunden Punkt in dem Betriebe der modernen Sprachen, an Inhalt und Auswahl des Leſeſtoffes; ein Punkt, deſſen Reformbedürftigkeit nicht nur in Heſſen, ſondern faſt überall in Deutſchland, nicht nur von den meiſten Fachgenoſſen, ſondern insbeſondere auch von maßgebenden Methodikern unſeres Faches an⸗ erkannt worden iſt. Hier muß Ordnung geſchaffen werden, hier muß dem Taſten und Probieren ſo bald wie möglich ein Ende gemacht werden.
Daß die Frage der ſachgemäßen Auswahl guter Schulautoren, das Intereſſe der neuphilologiſchen Lehrerſchaft an einer endgiltigen Regelung der Schullektüre ſchon ſeit einer Reihe von Jahren im Fluß iſt, das beweiſen nicht allein eine ganze Reihe recht guter Abhandlungen über dieſen Gegenſtand, die teil⸗ weiſe in Programmen, teilweiſe in wiſſenſchaftlichen Zeitſchriften veröffentlicht worden ſind ¹), das beweiſt auch die eingehende Erörterung, die dieſe Frage auf verſchiedenen preußiſchen Direktorenkonferenzen (Hannover 1882, Pommern 1888, Schleswig⸗Holſtein 1892), ſowie beſonders auf dem Hamburger und dem. Wiener Neuphilologentage gefunden, wo ja auf Grund der Müller'ſchen Theſen die ſogenannte Siebzehnerkommiſſion zur Feſtſetzung eines Kanons empfehlenswerter Schulausgaben ins Leben gerufen wurde.²) Dieſe hat nun die erſte Liſte der vom Kanonausſchuß des allgemeinen deutſchen neuphilologiſchen Verbandes als für den Schulunterricht bedingungslos brauchbar anerkannten Schulausgaben franzöſiſcher Schriftſteller(abgeſchloſſen Pfingſten 1898) erſcheinen laſſen¹) und ich konnte dieſe bei meinen unten folgenden Aufſtellungen benutzen; für die engliſche Lektüre iſt ſie noch nicht erſchienen, wie überhaupt dieſe in der Fachlitteratur hinter der franzöſiſchen entſchieden zurücktritt.
¹) Eine Zuſammenſtellung für das Franzöſiſche ſiehe in Baumeiſter's Handbuch für Erziehung und Unterricht, Bd. V, p. 103.
²) Vgl. Verhandlungen des 7. deutſchen Neuphilologentages, 1896, zu Hamburg, p. 27—40 und Verh. des 8. Neu⸗ philologentages, 1898, zu Wien, p. 107— 108; Verl. von Guſt. Prior, Hannover.
³) Abgedruckt in„Neuere Sprachen“, Bd. VI; Separatabdruck bei N. G. Elwert, Marburg, 1899, 40 Pfg.


