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Wenn nun vom zykliſchen Rhapſoden geſprochen wurde, ſo ſoll damit nicht geſagt ſein, daß er beſtrebt geweſen wäre, alle Ereigniſſe des trojaniſchen Krieges in Ilias und Odyſſee unterzubringen, ſondern, wenn die zahlreichen Hinweiſe in den Scholien und bei Euſtathius eine zykliſche Ausgeſtaltung beider Gedichte ankündigen ſo iſt dies im Sinne von Hennings zu verſtehen, der ſagt:„Die zweite Necyia... hält dem Zuſchauer zum Schluß diejenigen Momente der Beurteilung entgegen, welche in der Sage und dem Nationalbewußtſein der Hellenen die hervorſtechendſten der ganzen Ilias und Odyſſee ſein mußten. Denn ſie enthält zugleich das in der Ilias nicht erzählte Schickſal des Achilleus und wirft ein zuſammenfaſſendes Licht auf den Gang der Ereigniſſe, unter denen Odyſſeus ſein gefährliches Rachewerk ausführte.... Die Odyſſee allein wäre durch die mπνοα⁶ vollkommen abgeſchloſſen, die Ilias und Odyſſee zuſammen aber noch nicht ¹)“. Was er jedoch über den zuſammenhängenden Vortrag dieſer Faſſung der Epen, wie wir ſie heute leſen, an den Panathenäen behauptet, der durch Solon angeordnet worden ſei, iſt nicht richtig?²). Denn wenn das wahr iſt, was verſchiedene Scholiaſten über die Tätigkeit des Cynäthus und ſeiner Schule berichten, ſo waren die homeriſchen Epen urſprünglich einfacher geſtaltet, da ſie ja nur aus Peripetien beſtanden, während nachgewieſenermaßen alle ſpäteren Zuſätze nur dem zykliſchen Ausbau galten. Zum Schluſſe ſollen deshalb die Nachrichten der Alten über das Verfahren des Cynäthus einer Betrachtung unterzogen werden.
11) Fleckeiſen, Jahrb. 1861, S. 91 f.
²) Über die Telemachie, S. 136.


