Aufsatz 
Die ursprüngliche Gestalt der Telemachie und ihre Einfügung in die Odyssee / von Ludwig Adam
Entstehung
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billig darüber wundern, um so mehr, da sie bei der ihrem Schützlinge drohenden Ge- fahr trotz des Auftrages des Zeus ¹) nur ganz oberflächlich durch ein Versprechen den Muth des Jünglings zu heben sucht. ²) In der That ein bedenklicher Abstand, der dadurch nicht gemildert wird, dass sie im XV. Buche dem Telemach sogar un- vermittelt erscheint. Ja ihr Auftreten ist um so ungereimter, als grade jener Mentor, dessen Gestalt sie so oft zur ihrigen machte, nach dem ausdrücklichen Zeugnisse der Odyssee des Odysseus Hausverwalter war, also auch dessen Sohn nicht auf der Reise begleiten konnte. ³) Mentors Person war um so inniger mit der Telemachie verknüpft, weil er in der Volksversammlung der Ilthakésier ein gewichtiges Wort spricht. Da- raus erhellt, warum Athene im I. Buche als Mentes erscheint und dass solche Rath- schläge in Mentors Mund mehr als treulos erschienen wären. Nimmt man dazu, in welch seltsamer Weise sie verschwindet 4) und wie vertraut sie mit Nestor und Tele- mach steht,) während sie ohne Grund später ängstlich jede Erkennung durch Tele- mach vermeidet,) so können wir nicht umhin, ihr Eingreifen in die Handlung der Odyssee ein verunglücktes zu nennen. Das von Kirchhoff gewonnene Resultat wird dadurch nur verstärkt. Das Auftreten Athenes muss aber in den ersten Büchern der Telemachie und zu Anfang des XV. auch aus dem Grunde verworfen werden, weil es auf der Grundlage des zweiten Motives aufgebaut ist. Der Umstand, dass man den vielen Stellen zum Trotz, worin das Schicksal des Odysseus als besiegelt gilt, andre einschob, um seinen Tod zweifelbaft zu machen und dass man dazu hauptsächlich die Erscheinung Athenes benutzte, die von einer Vielbeit von Freiern, Herolden und

Dienern, die von dem zweifelhaften Charakter Penelopes, von Geschenken der Freier,

von dem Drängen der Eltern Penelopes zur Wiederverheirathung weiss,*) ist mehr als genügend, um die Art und Weise des Einschubes der Telemachie in die Odyssee darzuthun und das Kirchhoff'sche Resultat bezüglich des ersten Buches zu bestätigen. Der ganze Rahmen, innerhalb dessen die Telemachie ruht, also von I 80 an ist das Werk eines Dichters, der Athenes Erscheinung benutzte, um die Telemachie mit der Odyssee zu verbinden. Die klaren Darlegungen Kirchhoffs mit diesen Erwägungen zusammengehalten, überheben uns der Mühe, überhaupt über I 80 324 noch ein Wort hinzuznfügen. Wir werden aber sehen, dass auch die andern von Athene han- delnden Stellen und zwar nicht plos aus den vorstehenden Gründen mit Leichtigkeit sich entfernen lassen und dass auf diese Weise sich mancher räthselhafte Widerspruch löst.

Wenn 1 80 324 zu tilgen sind, so müssen auch 405 420 wegfallen, so dass auf 404 sofort 421 folgte. Denn da die Freier vom Tode des Odysseus überzeugt sind s) und desshalb von der zu erstrebenden Königswürde sprechen, so muss die

¹) V 25 ff. ²) XV 27 ft.) II 224 ff. Vergl. dageg. Düntzer.) 1 319, III 372, XXII 240. ³) 1 322, 420, II 260 ff., 372, III 375 ff., 435 ff., XV 1 ff.) XVI 155 ff.*) I 92, 109 ff. 146 ff., 293 ff., 301: die Anspielung auf das Erwachsensein Telemachs; XV 14 f., 16 ff., 19 ff. ³) I 394ff., 400 ff. etc..