Aufsatz 
Die ursprüngliche Gestalt der Telemachie und ihre Einfügung in die Odyssee / von Ludwig Adam
Entstehung
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Penelopes Hand zu gewinnen ist; hier sind natürlich deshalb auch nur wenige Freier aus Ithaka genannt; in diesem ist Penelope jene treue und bewundernswürdige Gattin, die dem Drängen der Freier muthig widersteht und zur List greift, um möglichst lange trotz der Todesnachricht die Heirath hinausschieben zu können; in diesem ist Telemach gegen die Mutter bescheiden und weigert sich, dieselbs aus dem Hause zu stossen und selbst die Erscheinung Athenes dient nur dem höheren Interesse, die ge- rechte Strafe über die Freier zu verhängen, indem sie Penelope bewegt, den Schuss am Feste Apollos als das ihr Schicksal entscheidende Moment gelten zu lassen. ¹) In der Ausführung dieses Motives ist Alles wahrhaft schön und edel dargestellt, in der jenes in einer keineswegs anmuthigen und gewinnenden Weise.

Wir begreifen trotz der klaren Darlegung beider Motive, mit welchen Schwierig- keiten die Durchführung derselben für die ganze Odyssee verknüpft ist und begnügen uns daher vor der Hand damit, das Resultat für die Telemachie auszubeuten. Nur das eine wollen wir schon jetzt betonen, dass eine Reihe Einschiebsel gedichtet wurde, um die beiden Motive zu verschmelzen, in welchen daher auf die mit beiden ver- knüpften Umstände Rücksicht genommen wurde.

Schon in dem ersten Programme haben wir auf die Unhaltbarkeit der ganzen Erscheinung Athenes, die, da sie den Götterbeschluss über die Rückkehr des Helden kannte,(I 16 ff) Telemachs Reise nicht veranlassen durfte, hingewiesen ²) und Kirch- hoff hat in seinerComposition der Odyssee ihre Stellung im ersten Buche hin- länglich charakterisirt. ²2) Durch die Einschiebung der Telemachie aber wurde die Rückkehr des Helden, dessen Zeit gekommen war,) verzögert und eine zweite Götter- versammlang nothwendig. In dieser tritt etwas Neues zu Tage: die Rache, welche Odysseus nehmen soll und die seinem Sohne bereiteten Nachstellungen. In der ersten Versammlung ist von beiden Punkten keine Rede gewesen und Zeus weiss selbst in dem Auftrage an Hermes nichts von der Rache, deren auch Athene gar nicht gedacht hat, während die Erwähnung derselben durch Zeus im V. Buche sich wunderlich ge- nug ausnimmt. Ueber den Grund dieser seltsamen Erscheinung können wir erst am Ende unsrer Untersuchung sprechen. Es ist bekannt, dass man die zweite Götterver- sammlung verworfen hat, ³) man hat aber nicht bedacht, dass das Auftreten Athenes auch in sonstiger Beziehung verdächtig, ja gewissermassen unhaltbar ist. Welche wunderliche Rolle spielt sie z. B. bei der Erzühlung Nestors von der unglücklichen Rückkehr der Griechen im III. Buche, welche sie selbst veranlasst hatte? Der Dichter hüllt sie in tiefes Schweigen und lässt sie im IV. Buche ganz verschwinden. Ver- gleicht man jedoch die Gewissenhaftigkeit, mit der die Göttin in den drei ersten Büchern auf Tritt und Schritt ihren geliebten Telemach begleitet, so muss man sich

1 ¹) XXI 1 ff. ²) S. 2. ³²) Composition der Odyssee S. 1 47.) Od. I 16 f., 76 ff. ³) Vergl. Karl Schmitt de secundc in Odyssea deorum concilio interpolato eoque centone; Hennings, Telemachie S. 151 155.