Aufsatz 
Zur Methode des französischen Unterrichts / von Kühn
Entstehung
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non multa, sed multum. Wenn später in der Lektüre ein Ausnahmefall vorkommt, welchen der Schüler nicht gehabt hat, so kann er fragen oder im Wörterbuch, in der Grammatik suchen; das nützt auch ein wenig seiner Selbständigkeit. Ich wiederhole hier, was ich oben schon gesagt habe: wo es angeht, teile man den Schülern den Grund der grammatischen Gesetze und Erscheinungen mit, das fördert das Verständnis und die Liebe zur Sache ganz auſserordentlich. Mag dabei auch etwas historische Grammatik mit unterlaufen, das halte ich für kein Unglück.

Wie steht es nun bei diesem System mit den schriftlichen Übungen? Vietor will dieselben auf Beantwortung von Fragen über das Gelesene beschränken. Ob man so weit gehen kann, mülste die Erfahrung lehren. Da das Schreiben erfahrungsgemäls in der Schule ganz anders ausfällt als die mündliche Antwort, so könnte es doch leicht sein, dafs dieser Teil des Unterrichts zu kurz käme. Dagegen halte ich es für praktisch, wenn auf jedes Lesestück eine deutsche, zusammenhängende UÜbung zum Ubersetzen folgt. Inhaltlich könnte dieselbe eine Umschreibung des Lesestückes sein, d. h. eine Wiedergabe desselben mit etwas geänderten Satzkonstruktionen und Worten. Es könnte auch ein anderer Inhalt sein, aber mit Anlehnung an die Worte und Ausdrücke des vorausgegangenen Lesestücks; am besten würde in diesem Falle auch ein französisches Original zu Grunde gelegt. Ferner muſs das Gebiet der Grammatik, welches gerade behandelt wird, in der deutschen Übung recht häufig vorkommen. Ich glaube, dals auf diese Weise auch die schriftliche Ubung zu ihrem Recht kommt. Die Hauptsache ist und bleibt aber das französische Lesestück.

Ob es sich empfiehlt die unbekannten Wörter in einem besonderen, nach den Lesestücken geordneten Verzeichnis neben dem alphabetischen zusammenzustellen, ist weniger wichtig; jedenfalls dürfen die französischen Ausdrücke nicht in das Verzeichnis aufgenommen werden: diese soll der Schüler selbst unter Anleitung des Lehrers suchen, das macht ihn aufmerksam auf die Eigen- tümlichkeiten der fremden Sprache. Vielleicht kann und soll man die Schüler auch anhalten sich selbst Phrasensammlungen anzulegen. In den oberen Klassen thun sie das allerdings gewöhnlich von selbst.

Es entsteht nun die Frage: wie lange soll der Unterricht an das Lesebuch angeschlossen werden? Eine allgemein gültige Antwort darauf kann, wenn sie überhaupt möglich ist, erst von der Erfahrung gegeben werden. An der Realschule könnte wahrscheinlich an der Hand des Lesebuchs in vier Jahren(also bis III einschlieſslich) die Formenlehre und Syntax in grolsen Zügen durch- genommen werden.¹) Secunda und Prima blieben dann zur Erweiterung der Syntax übrig. In diesen Klassen, wo meistens zusammenhängende Lektüre getrieben wird, mulſs letztere erst recht im Mittelpunkt des Unterrichts stehen. Mit der Lektüre als Mittelpunkt läſst sich der Unterricht aulſserordentlich mannigfaltig gestalten. In Secunda darf die Lektüre nicht zu schwer sein, damit sich Retrovertierübungen daran anschlielsen können. Sie findet als Extemporale sehr passende Verwendung und zwar so, dals man den Schülern geradezu zum voraus den Abschnitt bezeichnet, aus welchem die Arbeit genommen werden soll. Mündliche Reproduktionen beleben den Unterricht. Grammatisch wichtige Fälle werden erörtert. Dies braucht indes nicht dazu auszuarten, dals die Grammatik fortwährend hereingezogen wird und so der Zusammenhang der Lektüre verloren geht. Es muſs soviel und derart gelesen werden, dafs der Inhalt seinen Eindruck auf die Jugend

¹) Vielleicht würde auch ein kürzerer Zeitraum genügen. An den lateinlosen, 6 klassigen höheren Bürger- schulen, deren Ziel bei gröfserer Stundenzahl etwas weiter gehen kann, würden jedenfalls 3 Jahre hinreichen.