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Sprechübungen in der eben erwähnten Weise bilden eine weitere Vorbereitung dazu. Und soviel Rücksicht darf die Schule, wie ich glaube, schon auf das praktische Leben nehmen, ohne ihrer Hauptaufgabe, Erziehung und Bildung des jugendlichen Geistes, untreu zu werden. Um der neuen Methode den Weg zu bahnen, ist es ganz gut, wenn hinter jedes Lesestück des ersten Kursus wenigstens eine Reihe von Fragen, welche auf das Stück Bezug haben, gesetzt werden. Allerdings wird dadurch eigentlich der Aufgabe des Lehrers vorgegriffen. Allein die Methode selbst wird anschaulicher und gewinnt vielleicht dadurch weitere Freunde. Ferner wird die Anschauung viel lebendiger, wenn jedem Lesestück ein Holschnitt beigegeben wird, der den Schauplatz der Erzählung darstellt. Es ist natürlich, dals das Interesse des 10— 12 jährigen Knaben für den Stoff durch solche Bilder bedeutend erhöht wird. Seine Freude wird viel grölser sein, wenn er die ihm im Bilde vorgeführte Handlung in der fremden Sprache nacherzählen kann. Der Lehrer kann auch mit einer Analyse des Bildes beginnen und dann die Erzählung oder Fabel folgen lassen. In dieser Weise ist das„Lehr- und Lesebuch der franzõsischen Sprache“ von Dr. Lehmann(Mannheim, Verlag von Bensheimer) in der I. Stufe ausgestattet. UÜber das Buch selbst folgen unten einige Worte.
Die Auswahl der Lesestücke mufſs endlich dem methodischen Fortschreiten in der Ein- übung der Formenlehre und Syntax möglichst angepaſst sein. Dafs das sehr schwer ist, weiſs ich wohl. Zunächst ist es durchaus nicht leicht, im Pranzösischen einen Gang festzustellen, der am Faden von Lesestücken die elementaren Formen und Gesetze der französischen Grammatik den Schülern so vorführt, daſs sie bequem folgen können, ohne in der ersten Zeit überladen zu werden. Aus diesem Grunde ist auch wohl Vietor der Ansicht, dals der fremdsprachliche Unterricht mit dem Englischen zu beginnen habe. Dort bietet die Pormenlehre gar keine Schwierigkeiten und die Satzstellung ist prinzipiell dieselbe wie im Französischen ohne die vielen und schweren Einzelheiten hinsichtlich der Stellung der Negation, der Pronoms réägimes efe. Das Englische würde also als die leichtere Sprache die Etappe bilden zu dem schwierigeren Französisch. Indes die einmal vorhandene Einrichtung nötigt zur Auffindung eines Ganges im PFranzösischen auch ohne vorausgegangenes Englisch. Wahrscheinlich müſste der Lautlehre die Einübung des Indikativs von avoir und étre folgen und neben den ersten Lesestücken hergehen. Es könnte sehr bald das Präsens des Verbs und zwar aller Konjugationen auſser deroir folgen. Neben dem weiteren Einüben der Konjugation würde gleichzeitig die Stellung der Negation und der Pron. rég. behandelt. Natürlich können die Lesestücke nicht immer an grammatischen Formen nur das enthalten,„was schon da war.“ Im Anfang werden sie sogar recht viel enthalten, was noch nicht da war. Das ist aber kein grolses Unglück. Wenn es noch nicht da war, dann kommt es jetzt, d. h. der Lehrer gibt, ohne sich lange dabei aufzuhalten, eine kurze Erklärung; oder er begnügt sich mit einer einfachen Ubersetzung der betreffenden Stelle. Der Unterrichtsgang in der Grammatik kann durch kurze Uberschriften angedeutet werden. Mit sklavischer Genauigkeit braucht sich der Lehrer nicht an denselben zu halten. Er kann im Gegenteil oft seinen eigenen Weg gehen; nur ist dabei Vorsicht geboten. Es sei mir hier die Bemerkung gestattet, dals bei dieser Methode die Aufgabe des Lehrers eine ganz andere, viel gröſsere wird, als jetzt, wo man fast nur eine Lektion nach der anderen vorzunehmen braucht.— Im Elementarunterricht und auch späterhin im allgemeinen muſs jedenfalls der grammatische Unterricht darauf beschränkt werden, nur das allerwesentlichste zu geben. Nichts halte ich für verkehrter als der Vollständigkeit wegen mehr zu geben, als der Schüler brauchen und verdauen kann. Auch hier sollte doch der Spruch gelten:
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