Aufsatz 
Zur Methode des französischen Unterrichts / von Kühn
Entstehung
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daſs doch alle diejenigen, welche sich mit dem Gedanken tragen, fremdsprachliche Wörterbücher und Grammatiken oder UÜbungsbücher zu veröffentlichen oder die solche neu auflegen müssen, den Wörtern(allerdings nur im Wörterverzeichnis und nicht auch im Text des Lese- oder Ubungsbuchs) eine phonetisch genaue Bezeichnung der Aussprache beifügen. Wenn ein neuerer Philologe auf der Universität noch Italienisch sich aneignen oder ein alter Philologe oder Mediziner nachträglich Englisch lernen will, so befindet er sich hinsichtlich der Aussprache der Wörter in der gröſsten Verlegenheit. Was dafür bis jetzt geboten wird, ist vollständig ungenügend, weil oft ungenau und in vielen Fällen zu Irrtümern verleitend. Die Folge ist, dafs die Lernenden ein ganz falsches Bild von den Wörtern der fremden Sprache in sich aufnehmen. Doch ich kehre zum französischen Lesebuch zurück. Wenn der Lehrer, wie ich als selbstverständlich voraussetze, den französischen Unterricht mit einer genauen Lehre und Einübung der Laute beginnt und den Schülern die einfachen Zeichen dafür mitteilt, so können die letzteren sich zu Hause selbst im Fall des Zweifels Rat im Wörterbuch holen, da dasselbe bei jedem Wort genau die Laute angiebt, aus denen es besteht. So wird verhindert, dafs der Lernende erst ein falsches Bild vom gesprochenen Wort in sich aufnimmt.

Die grölste Schwierigkeit bei der Abfassung des Lesebuchs besteht in der passenden Auswahl der Lesestücke. Sie muſs passend sein in mehrfacher Beziehung. Durch den Inhalt mufs das Interesse der Jugend wie der Erwachsenen geweckt werden. Besonders sind läppische Geschichtchen ohne jede Pointe zu vermeiden. Gleichzeitig darf der Stoff nicht zu ernst und schwer sein, ein Fehler, in den mir Plôt? bei seinem Lese- und Übungsbuch verfallen zu sein scheint. Den beiden Anforderungen scheinen mir am besten zu genügen: für den Anfang Anekdoten aus dem Leben bedeutender Männer und Tierfabeln; erstere mit der eben genannten Einschränkung, dals alles Läppische und Triviale zu vermeiden ist. Später können kurze Erzählungen folgen. Eine dritte Anforderung, welche man an die Lesestücke stellen muſs, wird bei diesen Gattungen am häufigsten erfüllt: einfache und flieſsende Diktion. Für den Anfang ist das unbedingt nötig, damit dem Schüler die Aufgabe nicht zu schwer werde. Als selbstverständ- lich nehme ich an, dals sämtliche Lesestücke guten französischen Schriftstellern entlehnt werden. Die Auswahl mufs sich besonders noch auf solche Stücke richten, welche leicht zu Sprechübungen zu verwenden sind. Körting(a. a. O. S. 36 ff.) legt, wie mir scheint, den Sprechübungen einen zu geringen Wert bei und eifert zu sehr gegen die Sache überhaupt. Bei Sprechübungen halte ich es für notwendig zu scheiden. Sobald dieselben an einen bestimmten, in der fremden Sprache schon durchgenommenen Gegenstand anknüpfen, sind sie eine treffliche Ubung: der Schüler gewöhnt sein Ohr an die fremden Laute, seine Aufmerksamkeit wird intensiver und das Interesse am Unterricht wird erhöht; letzteres ist ein nicht zu unterschätzender Punkt. Lebendigkeit und Abwechselung im Unterricht(natürlich ohne Obertreibung) regen den jugendlichen Geist an. Dazu ist die Sprechübung ein vorzügliches Hilfsmittel.¹) Dieselbe braucht sich aber durchaus nicht darauf zu richten, den Schülern die Konversationsfertigkeit von Kellnern beizubringen. Dadurch, dafs die Sprechübung immer an Lesestücke anknüpft und sie durch Frage und Antwort reproduziert, wird die Oberflächlichkeit hinreichend vermieden. Ich habe oben schon gesagt, dals eine genaue Einübung der Laute eine gute Vorbereitung für die Sprechfertigkeit bildet. Die

¹) Ob in den oberen Klassen mit Nutzen auch andere Unterrichtsgegenstände(Mathematik oder Geschichte) französisch behandelt werden können, darüber wage ich nicht zu urteilen; darin fehlt mir die Erfahrung.