Aufsatz 
Zur Methode des französischen Unterrichts / von Kühn
Entstehung
Einzelbild herunterladen

11

nicht verfehlt. Beim UÜbergang zu schwerer Lektüre(also etwa in L) ist es gut, eine leichtere Lektüre für die mündliche Reproduktion und das Extemporale daneben zu haben. Wenn die Lektüre zum Teil wenigstens¹) in dieser Weise verarbeitet wird, so sind die Schüler imstande auch frei darüber zu schreiben. Der in der Prima der Realschule vorgeschriebene Aufsatz wird dann eher wirkliches Französisch enthalten, als wenn die Themata allgemein der Geschichte oder gar anderen Gebieten entlehnt werden. Wiederholungen ganzer Abschnitte der Grammatik verschaffen den Schülern über das ganze Gebiet eine Uebersicht, die erst hier am Platze ist, weil sie jetzt gehörig begriffen wird. Nebenher können gehen schriftliche Übersetzungen ins Französische aus einem Ubungsbuche, z. B. Plötz,Ubungen zur Syntaxve, denen ja meistens ein französischer Text zu Grunde liegt. Die Übersetzung deutscher litterarischer Werke ins Französische halte ich an der Schule wenigstens für Zeitverschwendung. Der Nutzen solcher Ubersetzungen ist überhaupt sehr gering. Dals neben der Prosalektüre auch poetische hergehe, versteht sich von selbst. Letztere sollte indes, wie ich meine, blos zur Anschauung gegeben werden, also von Untersecunda an jedes Jahr ein Drama und zwar in IIv und IIe je ein modernes Stück und in I je ein Stück von Molière und Racine. Die Hauptsache ist die Prosalektüre und zwar vorzugsweise von Schriftstellern unseres Jahrhunderts, damit das heute übliche Französisch gelernt wird.

Ein Lesebuch, das die erwähnten Forderungen alle erfüllte, existiert meines Wissens nicht. Ein sehr wesentlicher Punkt die phonetisch genaue Bezeichnung der Laute jedes Wortes ist bis jetzt in keinem grossen Wörterbuch, geschweige in kleineren, als Anhang zu Lesebüchern gegebenen Wörterbüchern zu finden. Auch Sachs giebt dieselbe nicht: bei ihm ist= deutsches , s in hasard=/ in Rose, g in logis= g in geniren. Die für Mittel- und Süddeutsche nötige Scheidung der Consonanten in tönende und tonlose, die Vocalreihe mit den Combinations- lauten 5 und ü überhaupt eine wirkliche Lautlehre bietet die Einleitung nicht. Darin sind zur Veranschaulichung französischer Laute deutsche Buchstaben und deutsche Wörter gesetzt, die jeder natürlich nach seinem provinziellen Dialekt spricht. Klarheit über die Lautzeichen, die Trautmann(in dem obenerwähnten Artikel der Anglia) schon gefordert hat, muſs endlich in unsere Schulbücher eingeführt werden. Also von dieser oben aufgestellten Forderung kann unter keinen Umständen abgegangen werden. Zwei Lehrbücher indes, welche im übrigen den obigen Forderungen sich nähern, verlangen eine kurze Besprechung. Das eerste ist Plötz,Lese- und Ubungsbuchw«. Durch die Herausgabe dieses Buches hat Plötz gewissermalsen selbst zugegeben, dals die bisherige Methode falsch war. Die dazu gehõrige kurzgefalste Grammatik hat von Kräuter im Litteraturblatt für germanische und romanische Philologie(1880 No. 1) eine vielleicht zu scharfe Kritik erfahren; der Tadel ist allerdings meist berechtigt, aber sie lieſse sich, wie ich glaube, doch zur Not verwenden, besonders da neben dem Lesebuch die Rolle der Grammatik eine untergeordnete ist. Es fragt sich nun, ob das Lese- und Ubungsbuch einen brauchbaren Stoff liefert. Die Beurteilungen, welche das Buch, soweit mir bekannt, bis jetzt erfahren hat, lauten schr günstig. Das gute Französisch darin wird gelobt und dem methodischen Voranschreiten Beifall gezollt. Das alles lieſs sich von einem Kenner des heutigen Pranzösisch wie Plötz erwarten. Aber der Stoff bietet nach meiner Ansicht nicht genug Anziehung für das jugendliche Alter, er ist zu ernst und zu trocken, wird also sehr bald die Lernenden langweilen.

¹) Ich halte es nicht für nötig, daſs die gesantte Prosalektüre eingehend durchgenommen wird; stellen- weise kann dieselbe mehr cursorisch behandelt werden. 9*