Aufsatz 
Zur Methode des französischen Unterrichts / von Kühn
Entstehung
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Arbeit vom Jahre 1879(Gymnasium zu Treptow) deren neunzehn zustande gebracht. Das letzte davon lautet: wirdtt vor s- in dem dahinter angeführten Beispiel Ge bats) wird nun das t gar nicht gesprochen. Eine andere Arbeit, die ebenfalls ursprünglich als Programm- Beilage(Gymnasium zu Charlottenburg, 1881), dann als Broschüre bei Weidmann in Berlin GrDas französische Verb in der Schalew von Dr. Basedow) erschienen ist, rechnet gar fünfund- dreifsig Lautgesetze heraus. Wie die alle neben den Verbalformen selbst in den Köpfen der Schüler Platz finden sollen, verstehe ich nicht. Warum überhaupt gleich aus einer besonderen Schreibung ein Gesetz machen, womit man die Lernenden abquält, z. B daſs in vaincre manchmal statt du geschrieben wird. Durch dieses für waincre besonders formulierte angebliche Laut- gesetz wird doch gewils das Erlernen des Verbs nicht erleichtert. Es ist hohe Zeit, daſs dieser Manie, Regeln und Gesetze aufzustellen, ein Ende gemacht wird, wenigstens in den Schul- büchern, damit die Jugend vor unnötiger Quälerei bewahrt bleibt.

Aber noch in anderer Beziehung muſs geändert werden. Die bisher gebrauehten Lehr- bücher bieten und verarbeiten zu viel sprachliches Material. Da werden eine Menge von Formen und Wörtern gelernt und in Übungssätzen angewandt, welche ganz selten vorkommen. Über dem Zuviel vergilst dann der Lernende das Notwendige mit; wenn er die häufigeren Formen schlielslich notdürftig behält, so geschieht das nicht, weil sie in einer früheren Lektion einmal geübt worden sind, sondern weil sie in der Lektüre und bei den schriftlichen Ubungen von selbst sich öfters wiederholen. Venir und tenir prägen sich bald ein, weil sie häufig vorkommen. Kann man aber z. B. dem Primaner zumuten, neben den vielen anderen Dingen, welche er in den verschiedenen Disciplinen behalten soll, auch zu wissen, ob und wann pousseter den accent grabe bekommt? Das ist einfach zu viel verlangt. Zuweilen werden auch die Formen blos zur UÜbung gelernt und gleich folgt der Zusatz, dafs sie selten gebraucht werden. So z. B. oulir und désapprendre. Macht es denn etwa den Knaben ein ganz besonderes Vergnügen, recht viele unnötige Dinge vorübergehend in den Kopf zu zwängen, blos damit etwas gelernt wird? Ja, wird da oft eingewandt, wenn die Form nun aber irgendwo vorkommt, dann hat der Schüler sie noch nicht gehabt. Darauf antworte ich: In der Lektüre kommen so viele Dinge vor, welche der Schüler noch nicht gehabt hat, daſs das gar nichts ausmacht, ob ousseter und oulir dabei sind, oder nicht. ¹) Beispiele wie épousseter lieſsen sich noch eine stattliche Reihe anführen. Man braucht nur Plötz' Schulgrammatik aufs Geratewohl aufzuschlagen und man wird weitere Belegstellen finden. Selbst wenn nun der Lernende durch das Übersetzen kurzer trockener Einzelsätzchen die Regeln gröſstenteils behielte, wäre er darum in der lebendigen Sprache, in der gesprochenen oder

¹) Umgekehrt halten es manche Herausgeber von französischen Schriftstellern für nötig, bei jeder Gelegenheit in der Anmerkung auf einen Paragraphen der Grammatik zu verweisen. Da hat dann der Schüler, wenn er im Besitz der betreffenden Grammatik ist, die beste Gelegenheit sich zu überzeugen, daſs die fragliche Eigentümlichkeit, die er meist aus der Stelle ohne alle Hülfe allein erkennt, fein säuberlich in eine hübschie Regel gekleidet sich an der richtigen Stelle befindet und befriedigt kann er weiter lesen. Ich erlaube mir, hier an das im Eingange meiner Arbeit gebrauchte Bild von dem groſsen Kasten mit den vielen Fächern zu erinnern. Hat der Schüler aber die Grammatik, auf welche verwiesen wird, nicht, so glaubt er gewöhnlich, es solle ihm etwas verbeimlicht werden. Da ich einmal vom Thema etwas abgekommen bin, so mag auch ein Wunsch hier seine Stelle finden, der sich auf die Schulausgaben der französischen Schriftsteller bezieht: Möchten die Herren Heraus- geber doch ¼, in manchen Fällen 2/10 ihrer Anmerkungen weglassen, damit den Schülern auch noch etwas Geistes- arbeit übrig bleibt. Dafür könnten sie die freigewordene Zeit darauf verwenden, den Text von Druckfehlern zu reinigen.