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auch nur in der Schriftsprache, zu Hause? Was hat er durch alle Regeln der Grammatik von der Sprache gelernt? Aulserordentlich wenig! Wenn man die oft so dürftigen Leistungen von Primanern oder auch Abiturienten sieht, so bedauert man, daſs die viele kostbare Zeit der Jugend hat verwendet oder auf der Schulbank abgesessen werden müssen, um dieses geringe Resultat zu Tage zu fördern.— Wie ganz anders gestaltet sich der gesamte Unterricht, wenn die Lektüre, also französischer Text und zwar im Zusammenhang, in den Mittelpunkt des Unterrichts tritt, wenn dem Lernenden die fremde Sprache selbst gezeigt wird und er sie an ihr selbst lernt, statt dieselbe durch Einzelsätze in zusammenhangslosen Brocken in sich aufzunehmen. Also fort nicht nur mit dem Übermals von Regeln, mit der Regel in der jetzigen Gestalt überhaupt, fort auch mit den geisttötenden Einzelsätzen. Der Unterricht schliefse sich an ein Lesebuch an. ¹)
Als Ziel des französischen Unterrichts wird gewöhnlich hingestellt,„den Schülern die Kenntnis der Schriftsprache zu übermitteln, ihnen die Fähigkeit zu verleihen, fremdsprachliche Litteraturwerke mit Verständnis zu lesen“. So wörtlich formuliert noch Körting in seiner oben- erwähnten Schrift(S. 36) die Aufgabe der Schule. ²) Liegt es da nicht nahe, daſs die Schüler recht viel Französisch sehen, lesen und geistig verarbeiten? Die grammatischen Erscheinungen begreifen sich doch leichter und werden passender vorgeführt, wenn sie in sprachlichem Zusammen- hang stehen. Für den Grammatiker von Fach und auch für den Studirenden mag es hinreichen, wenn er ein einzelnes kurzes Sätzchen als Belegstelle für eine Regel bekommt. Allein für den Schüler wird die Sache erst recht anschaulich, wenn er im französischen Lesestück die grammatische Regel angewandt sieht und wenn er, nachdem der Lehrer die Sache erläutert hat, selbst gelegentlich Belegstellen dazu entdeckt. So wird wirkliches Verständnis der Grammatik erreicht. Wenn es irgend möglich ist, soll dem Schüler auch der Grund der Erscheinung mitgeteilt werden. Es ist so natürlich und naheliegend, dals der Mensch fragt: Warum ist dies so und jenes anders? Unbedenklich kann man diese Fragen, wo es angeht, beantworten oder ihnen zuvorkommen, indem man gleich die Erklärung giebt. Man lasse sich nicht davon abbalten durch die Redensart: das gehört nicht in die Schule. Es gehört alles in die Schule, was geeignet ist den Verstand der Schüler zu bilden, wofern nicht sachliche Bedenken obwalten. Warum soll man nicht den Unterschied zwischen starken und schwachen Verbalformen auseinandersetzen, wenn man so auf einen Schlag eine Menge unregelmäſsiger Formen erklärt(dois, regois, viens, meurs, peux, veuæ eltc.). Bei gens ist es sehr nützlich darauf hinzuweisen, daſs das Schwanken im Geschlecht aus dem Widerspruch zwischen dem lateinischen Genus und der Bedeutung herrührt.— Die Stellung der Pronoms régimes beim Verb läſst sich rein sachlich erklären durch die einfache Regel: der Accusativ steht dem Verb zunächst Gui und leur vor dem Verb bilden die einzige Ausnahme); auch die Substantiv-Objekte beobachten im allgemeinen diese Reihenfolge, die ganz natürlich ist, da man zueist wen? oder was? und dann wem? fragt.— Bei Erklärung des Schwankens des adverbialen lout vor Adjektiven ziehe man zur Vergleichung les nouvweguæ venus heran und weise daran nach, dals im Französischen die nähere Bestimmung des Adjektivs oft selbst als Adjektiv betrachtet wird. Wenn auf diese Art die grammatischen Regeln in französischem Zusammenhang herausgefunden und aus ihrem Grunde erklärt werden, so prägt sich französische Eigentümlichkeit dem
¹) Diese Forderung hat ebenfalls Vietor schon aufgestellt. ²) Mir etwas zu enge gefalst; auch das gesprochene Wort und dieses recht sehr gehört in die Schule.


