geübt werden. Dieses Einüben besteht bis jetzt im wesentlichen in Treffäbungen und man kann es den Lernenden nicht sehr verargen, wenn sie bei der Wahl unter etwa 10 Vokalen recht oft neben das Ziel schielsen. Es tritt dann früher oder später der Moment ein, in dem der Lehrer sich vor einer unerfüllbaren Aufgabe sieht und fast gezwungen überläfst er die fremden Laute ihrem Schicksal. Die Lernenden werfen das Wenige, was sie sich davon angewöhnt haben, sehr schnell über Bord und setzen überall die nächstliegenden heimischen Laute an die Stelle der fremden. Wenn aber die Vocalreihe(i— e— a— 0— u) mit ihren Ubergangslauten und die Combinationslaute(5 und ü) erläutert werden, weiſs der Lernende ganz genau, wo er z. B. den Vocallaut im franz. Wort„or“ zu suchen hat, und was viel wichtiger ist, er behält diesen Laut, weil er sich über die Natur desselben klar ist.— Jeder Lehrer einer modernen Sprache muſs so oft die Erfahrung machen, dals die Schüler sich durch unbestimmte Laute über zweifelhafte Fälle wegzuhelfen suchen. Das hört hierbei ganz auf: der Schüler, dem die Aufklärung über die Laute geworden ist, spricht noch recht oft falsch, aber es ist ein thatsächlicher Irrtum, der leicht zu corrigieren ist; der Lernende ist sich immer klar über den Laut, welchen er sprechen will.— Es ist selbstverständlich, dals der Lehrer im Anfang einen harten Kampf zu bestehen hat mit der Macht der Gewohnheit. Er muſs unnachsichtlich alle falschen und zweifelhaften Laute(besonders provinzielle Eigentümlichkeiten) zurückweisen. Gerade vor diesem schweren Anfang schrecken so viele zurück. Allein das Resultat ist um so lohnender, je schwerer der Anfang war. Die biegsame Zunge der 10— 12 jährigen Knaben gewöhnt sich um so rascher an die fremden Laute, je unerbittlicher der Lehrer gegen alle Fehler ist und das richtige Sprechen wird bald ebenso zur Gewohnheit, als es bisher das falsche war. Die Sisyphus-Arbeit, in den folgenden Klassen eingewurzelte Fehler zu beseitigen, ist dem Lehrer erspart. Ich möchte an dieser Stelle die Herren Fachkollegen dringend bitten, einen ehrlichen Versuch mit dieser Methode zu machen, auch wenn sie noch so sehr dagegen eingenommen sind. Als Lautzeichen kann ich für das Französische und das Englische diejenigen Vietor's(in„Schriftlehre etc.“ sowie in seiner Engl. Grammatik, Leipzig, Teubner) mit gutem Gewissen empfehlen. Dieselben lehnen sich möglichst an die bestehenden Buchstaben an und sind für Schulzwecke vollständig ausreichend. Vietor's System hat denn auch gerade in England grosse Anerkennung gefunden.
Wie würde sich nun der Anfangsunterricht bei unseren Lehrbüchern gestalten? Der Lehrer gibt in den ersten Stunden nach Vietors Anleitung eine Ubersicht der Sprachlaute, soweit sie für das Französische in Betracht kommen.¹) Diese Laute werden an möglichst kurzen und sprachlich einfachen Lesestücken, wie sie jedes Lesebuch bietet, geübt und zwar so, dals die Laute jedes Wortes erst genau den Lernenden bekannt werden, ehe man sie veranlalst, das Wort nachzusprechen. Sobald ein Lesestück lautlich durch wiederholtes Vor- und Nachlesen— auch Chorlesen kann verwendet werden, aber mit grolser Vorsicht— gehörig geübt und mündlich übersetzt ist, wird es auswendig gelernt. Natürlich kann dabei schon auf besondere Eigentümlich- keiten der fremden Sprache aufmerksam gemacht, also- Grammatik getrieben werden. Das treffliche Lesebuch von Lüdecking bietet in den Vorübungen des I. Teils eine Reihe hierzu sehr geeigneter Stücke. Je nach der Beschaffenheit des eingeführten Lehrbuchs kann dann eine gröſsere Anzahl
¹) Nach meinem Dafürhalten kann die von Vietor(Schriftlehre oder Sprachlehre, a. a. O. S. 46— 48) gegebene lautphysiologische Einleitung dem Physik-Unterricht vorbehalten bleiben. Ebenso empfichlt es sich, entgegen Trautmaun, die Darstellung der Laute auf die in der eigenen und in der zu lehrenden fremden Sprache zu beschränken.
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