Aufsatz 
Zur Methode des französischen Unterrichts / von Kühn
Entstehung
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wohl eingewendet, ohne die Regeln lernt aber der Schüler nie selbständig lesen! Kann er es denn etwa mit den Regeln? Wird er die Unzahl Regeln auf die einzelnen neuen Fälle richtig anwenden? Hat er die Fälle des offenen o und ö alle gelernt? Kennt er die Quantität der Silben? Unmöglich. Also der Lehrer muſs beim Lesen helfend eintreten, trotz der vielen Regeln. Und nach einem vollen Jahre französischen Unterrichts mit 5 6 Stunden wöchentlich hat der Schüler gelernt: die Conjugation von aroir, étre und donner, letzteres nicht einmal ganz. Ein sehr dürftiges Resultat bei der vielen Mühe, die aufgewendet worden ist.

Dals hier eine Anderung eintrete, ist dringend nötig. Zudem ist die gegenwärtig in den Schulen herrschende Aussprache des Französischen und des Englischen trotz der vielen Regeln und der darauf verwandten Mühe grauenvoll. Das hat schon Trautmann im I. Bande der LZeit- schrift Anglia(S. 587 ff.) in einer längeren Auseinandersetzung nachgewiesen und den einzig möglichen Weg der Besserung gezeigt: Beim Unterrichte in der Aussprache muss auf die Laute zurückgegangen werden. Eine genaue Erklärung und Einübung der Laute muſs jedem neusprachlichen Unterricht vorausgehen. Später hat Vietor durch Veröffentlichung seiner englischen Grammatik(Leipzig, Teubner 1879) für das Englische den Weg gebahnt und die ganze Formenlehre auf die Lautlehre gegründet. Ferner hat er in einem Artikel betitelt Schriftlehre oder Sprachlehre in der Zeitschrift für neufranzösische Sprache und Litteratur (Bd. II, Heft 1, S. 43 ff.) auch für das Französische den Weg gezeigt und eine genaue Darstellung der französischen Laute gegeben. Es ist jedem Lehrer des Französischen dringend zu empfehlen, dals er sich den letzterwähnten Artikel verschafft und nach den darin enthaltenen Weisungen den Anfangsunterricht einrichtet. Allerdings wäre dazu eine Separatveröffentlichung desselben nötig. Aber der von Trautmann und Vietor empfohlene Weg, Ausgehen von den Lauten, stölst merkwürdiger Weise bei den Fachcollegen auf grolsen Widerstand. Es ist doch eigentlich einleuchtend genug, daſs man, um eine lebende Sprache zu lernen, erst die Laute derselben kennen und können muss; ferner, daſs einmal eingewurzelte Fehler bei dem Schüler nur schwer wieder zu beseitigen sind, dafs es also ein groſser Irrtum ist, wenn man glaubt, der Schüler lerne das richtige Sprechen durch die UÜbung. Ja, diese gehört allerdings auch dazu; aber es ist doch von der grölsten Wichtigkeit, dals man nicht erst vom Falschen durch lange Ubung zum Richtigen kommt, sondern von vornherein das Richtige kennen lernt und es dann solange übt, bis man es kann. Wenn der Schüler weils, wie er sich anzustellen hat, um einen bestimmten Laut hervorzubringen, wird er denselben eher richtig sprechen, als wenn er jedesmal auf das zufällige richtige Treffen angewiesen ist. Gegen dieses systematische Kennenlernen der Laute scheint man sich am meisten zu sträuben. Und doch hat gerade das Lautsystem auf die richtige Reproduction der Laute von Seiten der Schüler den günstigsten Einfluſs. Sie bekommen auf die einfachste Weise ein klares Bild von den Lauten selbst und verstehen die vorgesprochenen Laute sofort. Nach dem bisherigen Gang dagegen ist der Buchstabe die Hauptsache. Es werden viele Regeln über das Vorkommen der einzelnen Laute aufgestellt(in der bisherigen Terminologie: über die Aussprache der verschiedenen Buchstabencombinationen). Darüber tritt naturgemäfs der Laut selbst in den Hintergrund. Der unterrichtende Lehrer macht nun allerdings den ernstlichen Versuch, richtige Laute bei der Jugend zu erzielen. Aber die Erfüllung dieser Aufgabe, die an sich schon sehr schwer ist, wird durch die vielen Aussprache- regeln unmöglich gemacht. Richtige Laute können überdies nicht erzielt werden, solange die verschiedenen Vokale und Konsonanten selbständig ohne alle Beziehung zu einander stehen und