. 18
Die Sprache ist eine Erscheinung des Geistes. Je besser man das ganze Wesen des Volkes, das durch die Beschaffenheit seiner Wohnsitze, seiner Lebensart, staatlichen Ein- richtung u. s. w. bedingt ist, erforscht hat, desto genauer wird man den Genius der Sprache verstehen. Was Wachamuth(Hellenische Alterthumskunde„I,§. 15) über den Charakter des griechischen Volkes Treffendes sagt, spiegelt es sich nicht mehr oder weniger in der Sprache ab? Jenes Selbstgefühl, jene Empfänglichkeit, jenes sinnliche Element, ein gewisses reizbares Wesen erkennt der psychologisch-linguistische Scharfblick in der Gräcität. Ebenso offenbart sich die Römer- Tugend, jene gravitas, constanlia, magniludo animi, probitas, ficees(Cic. Disput. Tusc. I, I.) im sermo Latinus. Freilich gehört ein feineres, sprachli- ches Gefühl dazu, diese inneren Beschaffenheiten der ganzen Sprachanlage zu durchschauen. Es ist diese Erkenntniss ein Resultat gereifterer Auffassung und Einsicht. Manches Einzelne jedoch begreift auch der weniger geübte Sprachsinn.
Sollen wir besondere Gegenstände des linguistischen Pragmatismus anführen, in wie weit solche auch für den Schulunterricht sich eignen, so ist in etymologischer Hinsicht Alles hierher zu rechnen, was über die Genesis der Wörter und ihre Bildung geschichtlich vor- liegt; also Resultate über das Verhältniss der Deeclinations- und Conjugations-Formen; über die ursprüngliche Bedeutung der Ableitungs-Sylben; über die Bildung von Partikeln u. s. w. Die Phonetik wird besser praktisch geübt, blos das Wichtigere theoretisch behandelt. Man verschone die Gymnasial-Schiler mit gelehrten Demonstratienen der Dialeltologie im Grie- 3 chischen, und übe nur das unmittelbar Nothwendige ein. Ebenso würde es unpassend sein, wenn man sich im lateinischen Unterricht mit den dürftigen Nachrichten üher den Volscischen, Etruskischen, Sabinischen, Oscischen Dialekt aufhalten wollte. Was jedoch über Conso- nanten-Assimilation aus den vorliegenden Sprachformen Gründliches gelehrt werden kann; was ferner über Orthographie aus Inschriften, Handschriften, Münzen, Kusserungen von Sehriftstellern u. s. w. geschöpft wird, ist nicht zu entbehren. Nachweisungen sanskritischer Verwandtschaften, dergleichen z. B. Reimnitz, System der griechischen Declination, Potsdam 1831, gegeben hat, bedürfen wir für die Gymnasial-Zwecke nicht. Wohl abér sind nöthig Erörterungen des Einflusses, welchen das griechische, namentlich das äolische Idiom auf das Lateinische geüht hat, wie sich solche in Reisig'’s Vorlesungen über die lateinische Sprachwissenschaft finden. Einen Gegenstand, der auf den Sehulen mehr oder weniger vernachlässigt wird, möchten wir hervorheben. Es ist die Etymologik, insofern sie für das lexikalische Flement, insbesondere für Synonymik Bedeutung hat. Man sollte mit grösserer Aufmerksamkeit die durch die Endformen der Wörter bestimmten Bedeutungen zum Bewusstsein bringen, und könnte dadurch die Schärfe der Auffassung bei der Interpre-
tation in nicht geringem Maasse befördern. Nur aus Gründen der Etymologik kann man Wörter unterscheiden lehren, wie modestus und noderatus; aspredo, asperitas, asprituclo; regalis, regius; acrimonia, acrilas, acritudo; Arνραeρ, dενρσόσωνσ mρ ι●μ pobie u. 8 w.
Die verschiedene Formation der Wörter durch Flexionssylben ist aus der Nothwen-
7


