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dieser Vernachlässigung liegt in ganz anderen Dingen. Diess beweis't schon der Umstand,
dass auch diejenigen, die auf Gymnasien nichts von Philosophie gehört haben, sich auf der Universität eben so wenig um dieselbe bekümmern. Dass das Studinm der Philosophie vernachlässigt wird, kommt zum grössten Theile daher, weil viele Fachlehrer der Wissen- schaft nicht die nöthige philosophische Bildung und Richtung haben, und desshalb auch ihren Schülern jenes Studium verleiden, oft widerrathen. Es geht damit eben so, wie es mit dem Latein-Schreiben und Sprechen geht. Da mancher Professor in lateinischer Sprache examiniren muss, dieser Sprache aber nicht gewachsen istz so merkt sich auch mancher studiosus litterarum den Umstand, dass er ohne ernstes Studium der Latinität doch durch das Examen kommt.
Weniges genügt für unseren Zweck in Hinsicht auf die historische comparative Sprach- forschung. Die vergleichende Grammatik, die ein grossartiger linguistisch-historischer Pragmatismus ist, umfasst der Sache nach das ganze Material, welches die Geschichte zur Ergründung der Sprache liefert. Sie hat einen ungeheueren Stoff angehäuft, und aus Sanskrit und Prakrit, aus Zend und Pali, aus Semitismus und Slavismus, aus Tibetanischen und Mongolischen Sprachidiomen ein buntes Allerlei zusammengebracht, um die Genesis von Formen zu erklären. Doch ist sie noch fern von dem Ziele, das ihr Becker(Organism der Sprache, S. 21) steckt, die mannichfaltigen Verhältnisse nachzuweisen, in denen sich der linguistische Organismus in den verschiedenen Zeitaltern, Sprachen und Mundarten ge-
staltet hat. Natürlich ist die Comparation solcher Sprachen am interessantesten und licht-
vollsten, die in einem historischen Zusammenhange stehen oder eine Sprachgruppe ausmachen, 2. B. der semitischen oder der indo-germanischen Sprachen. Was J acob Grimm, der grosse Grammatiler, für das Deutsche geleistet hat, ist keinem Forscher unbekannt. Fragen wir, in welchem Verhältnisse steht die vergleichende Grammatik zum Gymnasial-Unterricht, so unterliegt es keinem Zweifel, dass die allgemeine comparative Sprachwissenschaft als solche hier nicht Berücksichtigung finden kann. Nicht einmal die Comparation der deutschen Dia- lekte will sieh zweckmässig in den Schulen gestalten. Man wird bei aller Anerkennung des Verdienstlichen der Bestrebungen, die man den alt- und mittel-deutschen Denkmählern zuwendet, den Grundsatz festhalten müssen, der bei dem Unterricht in lebenden Sprachen überhaupt entscheidend ist, dass nach dem Standpuncte gelehrt werden müsse, den das Deutsche in unserem Zeitalter einnimmt, aus dèr Entwickelungs-Geschichte desselben aber nur so viel beizubringen sei, als zur Erklärung der gebräuchlichen Formen dienlich erscheint. Man wird eben desshalb auch-wieder davon zuriückkommen müssen, mittel-hoch-deutsche Schriftwerke z. B. das Nibelungenlied auf Schulen zu lesen und zu erklären. Es ist schon eine bedeutende Aufgabe, die Gymnasial-Schiller dahin zu bringen, dass sie unser Neudeutsch mit Bewusstsein des Richtigen und Fertigkeit in Handhabung eines gewählten Ausdrucks schreiben lernen, und zu diesem Zwecke hat es viel grösseren Nutzen, zweckmässig ge- wählte Musterstücke der classischen Zeit grammatisch, rhetorisch und ästhetisch zu erklären.


