Aufsatz 
Über den linguistischen Rationalismus mit Rücksicht auf die Zwecke des Gymnasial-Unterrichts / Fuldner
Entstehung
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und bewirkte, dass sie Allen verständlich waren. Die Thätigkeit der Einbildungskraft, so-

wohl der reproductiven, als der productiven, ist hier nicht zu verkennen; jener zur Nach- ahmung vernommener Töne, dieser zur Hervorbringung analoger neuer Laute. Vrgl. Maass, Versuch über die Einbildungskraft, S. 173 f. Die Art und Weise dieser Tonbildung ge-

winnt an Klarheit und Deutlichkeit, wenn wir das Mimische berücksichtigen. Im pa-

thologischen Zustande zeigt sich uns eine ganze Reihe von Gebehrden, deren Allgemeinheit

das Natürliche derselben nachweis't. Sie sind Zeugniss von der Herrschaft des Geistes über

den Körper. Wohl am auffallendsten ist das Gebehrdenspiel des Zornes, das sich überall

zur Zerstörung anschickt, Knirschen der Zähne, Verzerren des Mundes, krampfhafte Er-

schütterung des Körpers, Blutandrang u. s. w. Aber auch das Plastisch-Mimische bei

sanfteren Empfindungen, die eigenthümlich freundlichen Züge des Gesichts bei heiterer, wohlwollender Stimmung erregen unsere Aufmerksamkeit. Interessant sind für verschiedene

Gefühlserregungen das Schütteln und Senken des Kopfes, das Falten der Stirne, das Erblassen,

das Stampfen mit den Füssen, das Ballen der Faust, das Schwellen der Lippen u. s. w.

Wie hat man aber contemplative und entelechische Zustände mimisch bezeichnet? Offen-

bar so, dass man von einer Ahnlichkeit der Gestalt und Bewegung bei Tathologischen

Zuständen ausging. Auf gleiche Weise verfuhr man bei der Lautbildung.

Zur Zeichenerfindung wirkte die Einbildungskraft; ihre Thätigkeit ist noch Slenen. tender, wenn wir fragen: wie werden Zeichen und Bezeichnetes geistig verbunden. Es geschieht durch die Association der Vorstellungen, welche zum Wesen der Einbildungskraft gehört. Die Anthropologen und Psychologen haben das Gesetz derselben hinlänglich unter- sucht und nachgewiesen, dass bei der gegenseitigen Reproduction der Vorstellungen Synthesis und System, Kontrast und Affinität, räumliches und zeitliches Verbundensein Einfluss äussern. Wir prauchen für unsern Zweck nur an die Formen des Memorirens, welche die Mnemonik aufzühlt, zu erinnern, namentlich an das sogenannte ingeniöse Memoriren, bei dem man Etwas dadurch festhält, dass man es mit einem äusseren Symbol desselben verbindet, und dann durch Anschauung des Symbols es geistig reproducirt.(Locorum simulagrorum- jque ratio, quae in arte traditur. Cic. de orat. I. 34.) Auch der Gebrauch von Metaphern

und Allegorieen, der sich auf den niederen Cultur-Stufen der Völker findet, zeigt die Ver- bindung des Vorgestellten mit dem Zeichen. Und sind die Werke der Kunst nicht äussere zZeichen, die in uns Ideen, Gefühle und Empfindungen erregen? Haben nicht namentlich die musikalischen Töne entschiedene Wirkung auf die Gefühls-Stimmungen? So ist der articulirte Ton Erzeuger eines Spiels von Vorstellungen und Empfindungen.

Modificationen der Laute geschahen in der Fortbildung der Sprache, bei welcher der Ein- fluss des geselligen Zusammefflebens am hervorstechendsten erscheint, theils innerlich, theils

äusserlich. Im Innerlichen bot sich das Mittel der F lexion dar, die im Allgemeinen durch einen Vocal-Wechsel erfolgt. Im Ausserlichen konnte eine und dieselbe Wurzel neue Be- stimmungen durch Agglutination erfahren, wozu Präfixa und Suffixa dienlich waren, oder

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