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des Verstandes voraus. Denn er hat das Geschäft in seinem Denken der Dinge die Merk- male derselben durch Abstraction und Reflexion, Combination und Determination aufzufassen, damit er zum Begriffe gelange, der die Bestimmungen des Gegenstandes in sich vereinigt und als Gesammtvorstellung derselben erscheint. Der grösste Vorrath der Sprache sind Be- griffswörter. Sie wurzelt hier im Verstande und bringt es zur weitesten Verallgemeinerung ihrer Zeichen durch die Ideen der Vernunft, sofern die Ideen die allgemeinsten Begrifle sind, welche der Geist auf dem Höhepunct der Speculation erkennt. Nur Bewusstes konnte die Sprachbildung bezeichnen; nur solches, das im Spiele der Vorstellungen vorhanden war, also einen Theil des geistigen Bildens ausmachte, das den Menschen bewegte. Die Sprache ist demnach ihrem Grundcharakter nach dialektisch und wird überall in Abhängigkeit von dem Denkgesetze sein, namentlich aber da, wo sie Zusammenhängendes und Verbundenes, Formen des Urtheils darstellen will, d. h. in ihren syntäktischen Bildungen.
Wie man durch Laute bezeichnen gelernt habe, ist leicht zu erklären. Die Entdeckung ergab sich von selbst. Sie war schon dadurch gemacht, dass der Mensch im Gefühlsdrange Töne hervorstösst, so sich offenbart und Anderen verständlich wird. Es drängt ja die Empfindung zu unwillkührlichen Lauten eben so, wie sie das entsprechende Gebehrden- spiel erzeugt. Es gibt eine natürliche Phonetik und eine natürliche Mimik. Beides ist zu verstehen aus einem im menschlichen Wesen liegenden Bedürfnisse, aus sich selbst heraus- zugehen, sich Anderen mitzutheilen. Diese ursprünglich gegebene Nothwendigkeit, dass sich das Geistige manifestire, dieses Hervorbrechen des inneren Lebens, wovon die Sprache selbst den Namen hat, begreifen wir als einen Grundtrieb, des pneumatischen Wesens, ohne welchen weder der Geist selbst in seinen Operationen zur Erkenntniss durch Begriff, Urtheil und Schluss die erforderliche Lebendigkeit und dialektische Fertigkeit entwickeln und errei- chen könnte, noch auch nach aussen hin zur Kräftigung anderer Geister wirksam sein würde. Die Manifestation des Geistes liegt in seiner ursprünglichen Organisation bedingt, in der Reciprocität des Lebens überhaupt. Kusserlich wurde die Lautbildung unterstützt. Man nahm Dinge wahr und hörte den Ton, den sie veranlassten. Das Blöken des Schafes, das Bellen des Hundes, der Gesang der Vögel, das Rieseln und Murmeln des Baches, das Lispeln des Laubes, das Rollen des Donners, und andere Arten des Schalles, deren Perception sich nothwendig aufdrang, erzeugten im Bewusstsein des Menschen durch den eigenthümlichen Eindruck ein Bild, das den Gegenstand selbst festhielt, und für die Sprache eine Schallnach- ahmung in Lauten und Wörtern. Vrgl. Vater, Versuch einer allgemeinen Sprachlehre, S. 44 f. Nahm man später dieselben Töne wahr, so repräsentirte sich eben dadurch der Gegenstand dem Geiste. Brachte man sie selbst hervor, so fand eine Mittheilung über die Sache an Andere Statt. Wie verfuhr man bei nicht hörbaren Dingen, um sie durch Töne zu bezeichnen? Die Wahrnehmung derselben erzeugte ähnliche Eindrücke und Empfindungen, wie man sie gehabt hatte bei tönenden Objecten. Diess gab eine Analogie für die Erfindung des Lautes. Häufiger Gebrauch und Gewohnheit fixirte am Ende solche Laute zur Bezeichnung,
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