Aufsatz 
Über den linguistischen Rationalismus mit Rücksicht auf die Zwecke des Gymnasial-Unterrichts / Fuldner
Entstehung
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und Zustände äussert. Vrgl. Fries, neue Kritik der Vernunft, I, S. 106 f. Gibt es ohne Einbildungskraft kein Bewusstsein, kein Gedächtniss, keine Erinnerung und Besinnung, so kann es um so weniger ohne sie eine Sprache geben. Auf der anderen Seite ist der Einfluss der Sprache auf die Wirksamkeit der genannten Kräfte unverkennbar, obgleich die apodiktische Behauptung Suabedissen's(die Lehre von dem Menschen S. 196) bezweifelt werden kann, wenn er sagt:der Geist selbst wird sich erst in und mit der Sprache wirk- lich, indem er erst durch sie zu einem bestimmten Selbstbewusstsein gelangt. Immer sehnt und treibt er schon friher und träumt von sich; aber erst in und mit dem Worte schliesst sich seine Bewegung, sich in sich selbst zurückfassend, zu einem Begriffe oder Entschlusse ab. S. Ohlert, der Idealrealismus als Metaphysik, S. 159 f. Um aber den Antheil der Einbildungskraft an der Sprachbildung zu erforschen, werfen sich uns überhaupt die Fragen auf: was bezeichnet die Sprache? Wie kommt es, dass der Mensch durch Laute bezeichnet, und wie hat er solche erfunden? Wie entsteht eine Verbindung des Zeichens mit dem Vorgestellten? Wie hat er die Laute modificirt? Wie hat er eine Zusammensetzung verschiedener Laute zum Ausdruck des Gedankens bewerkstelligt? Wie hat er die gefundenen Laute benutzt zu neuen Bezeichnungen?

Man sollte meinen, über Das, was die Sprache eigentlich bezeichne, känne kein Streit sein. Und doch sind Philosophen und Sprachforscher nicht einerlei Meinung über das Object der Sprache. Allerdings liegt auch diese Untersuchung keinesweges auf der Ober- fliche, streift vielmehr nahe an die metaphysische Frage nach der Relation des Begriffs und des Gegenstandes, des Idealen und Realen. Dem Popular-Verstande scheint durch die Sprache nichts Anderes bezeichnet zu werden, als die Dinge selbst, wiefern sie sich der Wahrnehmung als Gegenstände der Erkenntniss darbieten. Aber die genauere Betrachtung muss einsehen, dass nicht das Ding bezeichnet wird, sondern die Anschauung, die wir von demselben auffassen, also dem Wesen nach ein Subjectives. Diesen Grundsatz haben neuere Sprachforscher, namentlich W. von Humboldt und Hoffmeister, zur Evidenz nach- gewiesen. Doch fragt es sich weiter, wenn man sich mit der allgemeinen Annahme des Subjectiven und Innerlichen in der Sprachbezeichnung nicht begnügen will, von welcher Art eben dasselbe sei. Sind die Objecte der Sprache logisch oder ästhetisch; sind sie Auf- fassungen der Intelligenz oder des Gefühls? Wir können antworten, sie gehen von Beiden aus. Mag man sie Gedanken, Begriffe, Empfndungen u. s. w. nennen; unzweifelhaft kann nur Das Object der Sprache werden, was als Bewusstes auftritt. Sonach wüäre das Intel- lectuelle, das Vorgestellte, Begriffsmässige der eigentliche Gegenstand der Sprachdarstellung. Die Sprachbildung konnte unmöglich für jede einzelne Anschanung und Empfindung ein Zeichen schaffen. Hätte sie auf diese Weise verfahren wollen, so wäre die Sprache ein endloses Zeichenwerk, dessen der Geist nicht mächtig werden könnte. Sie musste nach Classifcations-Principien sich thätig erweisen, also Gemeinsames und Khnliches zusammen- fassen, generisch, specifisch und individual bezeichnen. In sofern setzt sie die Wirksamkeit