Aufsatz 
Über den linguistischen Rationalismus mit Rücksicht auf die Zwecke des Gymnasial-Unterrichts / Fuldner
Entstehung
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von Ideen, als von Schäpfungen der Phantasie geleitet wird. Das ist nie rationale Stufe des Geistes.

Wie aber weiss der Geist um sein Wissen? Die Antlropologen verzeichnen eine ganze Reihe von Vermögen, die hier in Betracht gezogen werden. Sie reden von einem inneren Sinne, durch welchen der Geist seine eigenen Zustände anschaut, und geben dann unter der Form des Bewusstseins den allgemeinen Inhalt des Innerlichen an, nämlich das Besvusstsein der Existenz, der Individualität, Identität, Activität, Personalität. Ausserdem gehört Alles hierher, was über Gedächtniss, Erinnerung, Besinnung, Einbildungskraft und Phantasie gelehrt wird. Es kommt der Sache nach offenbar auf ein Dreifaches an, nämlich 1. auf die Fähigkeit des Geistes, ein Vorgestelltes zu fassen; 2. auf die Fähigkeit, dasselbe in sich aufzubewahren; 3. auf die Fähigkeit, es beliebig vorzunehmen. Das Fassen fällt mit dem Vorstellen selbst zusammen. Das Aufbewahren aber, das zunächst dem Ge- dächtniss zugewiesen wird, ist nichts Anderes, als das Fortwirken der Fassungskraft, da ja jede dynamische Thätigkeit nach einem allgemeinen Naturgesetze permanent ist, bis sie anders woher abändernde Bestimmungen erfährt; das Wiedervornehmen, das unter der Er- innerungskraft verstanden wird, kann als Neigúng des Geistes begriffen werden, sich in dagewesene Zustände neuerdings zu versetzen. Wie verhält sich hierzu die Einbildungskraft? Ihre Wirlsambeit ist besonders in Betracht zu ziehen; und wir wollen sie zunächst weiter berücksicheigen. S2. 3

Wir meinen, sie liegt dem Allen zum Grunde. Sie ist das durch die Sphäre des Gefühls vermittelte, bewusste Leben des Geistes überhaupt; sie ist der Geist selbst, wiefern er Bilder der Dinge in sich aufnimmt, dieselben festhält, von neuem reproducirt, und durch Vergleichung, Sonderung und Verbindung sie willkührlich bearbeitet, doch so, dass er nicht ein Absolut-Neues, sondern nur ein Relativ-Neues hervorbringt. Man ist nicht einerlei Meinung, zu welcher Siufe des Geistigen diese Einbildungskraft zu rechnen sei. Wir finden sie auf allen Stufen, und nehmen eine sensuale, eine intellectuale und eine rationale Einbildungskraft an. Die sensuale erscheint auch bei feiner organisirten Thieren. Wir entdecken bei denselben einen Lauf von Vorstellungen und Bildern, der sich z. B. im Träumen zeigt. Die intellectuale und rationale Einbildungskraft steht mit Reflexion und Speculation in Verbindung, oder mit Verstand und Vernunft, kann also nur im menschlichen Organismus gedacht werden. Die Grundregel, nach welcher die Einbildungskraft verfährt, ist das Gesetz der sogenannten Ideen-Association, dessen gehörige Auffassung die psycholo- gische Wissenschaft vielfach beschäftigt hat. Sie hat erkannt, dass es bei dem Spiel der Vorstellungen, bei ihrer gegenseitigen Wiedererweckung darauf ankommt, dass Vorstellungen gleichzeitig und verwandt sind, und dass der gesammte Empfindungszustand, in dem sich der Geist früher befand, demjenigen gleichkommt, welcher gegenwärtig eintritt. Sie hat eben so erkannt, dass bei dieser Wirksamkeit des Geistes die Macht berücksichtigt werden muss, welche ein mehrmaliges Widerholen, ein Sichgewöhnen desselben an Vorstellungen