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als ein Product der ganzen Geistigkeit erscheint, nicht als Erzeugung eines abgesonderten und für sich aufgefassten Vermögens. Muss sie doch für Alles, das im geistigen Leben zur Wirksamkeit kommt, ein Zeichen zu setzen im Stande sein, wenn sie dem Zwecke der Mit- theilung überhaupt entsprechen soll. Kann doch nicht eine geistige Kraft so von den übrigen getrennt werden, dass sie für sich in Thätigkeit gesetzt werden möchte, ohne Mitwirkung der übrigen. Und so gewiss die verschiedenen Kräfte der Seele nur desshalb zu unterscheiden sind, um sich der gesammten Geisteswirksamkeit genauer bewusst zu werden, an sich aber- nur Modiftcationen der einen Grundkraft sein können; eben so gewiss vermögen wir nur dann die Sprache, als die Trägerin des geistigen Lebens, zu begreifen, wenn wir das ge- sammte psychische Leben ins Auge fassen. Wir können daher das gewöhnliche Verzeichniss der Seelenvermögen peibehalten„ möchten aber das Begehren mehr hervorheben zur Erklärung geistiger Erscheinungen, als es gemeinhin zu geschehen pflegt, und in ihm den- Gentralpunct geistiger RAusserungen finden, während Vorstellen und Fühlen die beiden Pole sind. S. Fischer, die Naturlehre der Seele, S. 152 f. Der Geist als begehrendes Princip vereinigt Beides offenbar in sich, wenngleich die eine oder andere Form bei diesem oder jenem Individuum vorherrschend ist. Das Vorstellen erscheint als Selbstthätigkeit oder Activität; das Fühlen als Empfänglichkeit oder Passivität, das Begehren als durch Beides bestimmte Ausserung der individualen nach Objectivirung ringenden Kraft. Sehen wir auf das sensuale Moment des Geistes, welches die nächsten Beziehungen des Subjects und Objects vermittelt, so leuchtet ein, dass die Gefühlsthätigkeit von aussen her als Empfindung erregt wird, und durch den Eindruck, den sie leidet, dem Vorstellen, hier Sinn genannt, eine Anschauung liefert. Dabei ist nicht zu verkennen, dass nicht das Gegenständliche selbst vorgestellt wird, son- dern ein Formales der Affection, mithin ein Inneres, ein Subjectives. Ohnehin erfasst die Wirksamkeit des Organs, an welches der Geist gewiesen ist, das Eindruckmachende erst durch anderweite, äusserlich gegebene Vermittelung auf, z. B. das Auge durch das Medium des Lichts, das Ohr durch das Medium des Schalles, ist also theils an einen Mechanismus, theils am einen Chemismus gebunden. Da indessen die Empfindung nicht anders sein kann, als so, wie sie erregt wird, so ist auch das sinnliche Vorstellen ein unmittelbares, und das Begehren auf dieser Stufe, welches als Trieb erscheint, sei er positiv oder negativ, ist ein gebundenes, unwillkührliches. Dagegen offenbart sich das Willkührliche des Geistes auf der zunächst höheren Stufe, der intellectualen, und beherrscht das reproductive Spiel der geistigen Erscheinungen, welches wir hier in der Sphäre des Gefühls entdecken oder das ganze Gebiet der Nachbildungen, das durch Gedächtniss, Erinnerung, Besinnung, Einbil- dungskraft bewirkt wird, sowie das mittelbare Vorstellen des Verstandes oder das weite Reich verstandesmässiger Reflexionen. Das intellectuale Begehren oder der Wille, der sich Zwecke setzt, erzeugt ein mannichfaltiges Getriebe geistiger Anstrengungen und Wirksam- keiten. Am höchsten steht dann das Vorstellen der Vernunft und das Fühlen durch pro- ductives Bilden; Beides vereinigt in der Freiheit der Selbstbestimmung, die eben so wohl


