Aufsatz 
Über den linguistischen Rationalismus mit Rücksicht auf die Zwecke des Gymnasial-Unterrichts / Fuldner
Entstehung
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Nur aus dem Geiste und seiner Herrschaft über den körperlichen Organismus kann der Ur- sprung der Sprache erklärt werden. S. Wilhelm v. Humboldt, über die Kawi-Sprache auf der Insel Java u. s. w.,§. 10. Die Frage über denselben so zu lösen, dass man das Wunder der Sprachbildunng durch ein noch grösseres Wunder begreifen wollte, nämlich durch die Annahme einer durch unmittelbare Causalität der Gottheit in den ersten Menschen hervorgebrachten Sprachentwickelung, welche Annahme einer früheren, vom theologischen Gesichtspuncte einseitig ausgehenden und nicht von anthropologisch-psychologischen Beob- achtungen geleiteten Periode zusagte, könnte blos dazu dienen, die Antwort hinauszuschieben und noch mehr zu verwickeln. S. Herder's Abhandlung üker den Ursprung der Sprache. Aber auch an der Hand der Geschichte lässt sich hier keine befriedigende Auskunft finden. Die Sprachvergleichung nach Etymologie und syntaktischer Formation, in Verbindung mit der Kenntniss der äusseren Schicksale der Völker, ihres Zusammenhanges durch Boden und staatliche Verhältnisse, ihres gegenseitigen Einflusses auf Wissenschaft und Kunst, Gesetz und Sitte, kann das Räthsel der ersten Sprachentwickelung nicht auflösen, nicht einmal die Ursprache nachweisen, aus welcher andere als Sprossen emporgetrieben sind, sondern nur eine namhaft machen, welche die älteste, die wir kennen, zu sein scheint, da sie von dem Volke gesprochen wurde, das nach dem Zeugnisse der Jahrhunderte anderen Nationen durch mannichfaltige Getriebe der Bildung, der Religion, Verfassung u. s. w. vorherging. Auech die Beobachtung, wie unsere Kinder sich die Sprache aneignen, wiewohl diese Erfahrungen in mancher Beziehung durch Induction und Analogie überraschende Aufschlüsse gewähren, wird ebensowenig ausreichen, um die Genesis der Sprache überhaupt zu begreifen. Denn es wird den Kindern von den Sprechenden die Sprache als fertig überliefert; sie verhalten sich bei Erlernung derselben weniger productiv, als receptiv. Sie haben nicht nöthig, für die Ge- genstände, deren Bekanntschaft sie machen, die entsprechenden Zeichen erst zu finden, viel- mehr wird ihnen das Symbol gegeben und mit ihm eine Vorstellung, ein Begriff beigehraeht. Es bleibt allein übrig der psychologisch-speculative Standpunct, welcher über die Frage nach dem Ursprung der Sprache die sicherste Auskunft verheisst. Bei diesem haben wir die Extravaganzen einer transcendentalen Logik, mit welcher uns die dialektisch- absolute Philosophie beschenkt hat, zu vermeiden. Eben so werden wir uns fern halten missen von den Meinungen des Dorguth'schen apodiktischen Realrationalismus, dem die Sprache nichis ist, als ein Ausdruck des Vorganges im Gehirne. S. Dorguth, Rritik des Idealismus S. 18. folg.

Die Sprache aus dem Geiste abzuleiten, setzt natürlich eine Theorie des Erkennens voraus, namentlich eine Lehre vom Bewusstsein. Denn es ist für die Glossologik die Er- forschung des Wissens um unser Wissen von grösserem Gewicht. Man kann sich die von Anthropologen vorgetragene Ansicht von drei Sphären der geistigen Wirksamkeit unter den Formen des Vorstellens, Fühlens und Begehrens gefallen lassen; eben so die Annahme von drei Stufen dieser Sphären, der sensualen, intellectualen und rationalen, wiewohl die Sprache