Aufsatz 
Über den linguistischen Rationalismus mit Rücksicht auf die Zwecke des Gymnasial-Unterrichts / Fuldner
Entstehung
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überall ein sicheres und festes genannt werden könnte. Noch weniger aber ist die Frage, ob die allgemeine Grammatik ein Gegenstand des Gymnasial-Unterrichts sein könne, oder welcher Theil derselben vorzügliche Aufmerksamkeit verdienen möchte, einer befriedigenden Lösung entgegengeführt worden. Wir wollen hierzu einen Beitrag zu liefern versuchen. Zuerst bietet sich uns dar das physiologisch-phonetische Element der Sprachforschung. Man hat mit grossem Aufwande von Gelehrsamkeit, die dem Gebiete von der Philologie fern liegenden Wissenschaften angehört, namentlich der Akustik, Anatomie und Physiologie, die Lautbildung erklären und auf's Reine bringen wollen. Tief gehende Untersuchungen sind angestellt worden über den ganzen Stimm-Apparat, über absolute und relative Quan- tität des Stimmschalles, über geschlechtliche, klimatische, nationale Qualität eben desselben, über Wirksamkeit des Kehlkopfes, der Stimmritze, der Stimmritzenbänder, der Rachenhöhle u. s. W. Man stellt sich zur Aufgabe, den gesammten Vocalismus und Consonantismus durch diese Betrachtung der organischen Sprachbedingungen zur Anschauung zu bringen. Und Niemand wird das Interesse dieser Untersuchungen verkennen. Aber es leuchtet ein, dass der Erfolg nicht entsprechen kann, da das Reich der Töne und Laute unbestimmbar ist, und in keinem Falle eine Nothwendigkeit dieser oder jener Lautbildung nachgewiesen werden mag, indem sich dieselbe in unendliche Nüancen verliert und von einem geistigen Elemente, dem Hauche, beseelt erscheint, dessen Natur die Physiologie niemals begreifen wird. Vrgl. Schmitt, Organismus der griechischen Sprache, S. 3. folg. In der That auch verfolgen die derartigen Erörterungen mehr die Lautdarstellung durch Buchstaben, als die Lautbildung von innen her. Sie haben ausserdem etwas Unheimliches für den geistigen Standpunct, dem die Zerlegung der Sprachwerkzeuge keine Seale gibt. Es ist, wie wenn ein anatomisches Messer über einen todten Körper herfährt, sieht man, wie die erhabene Gabe, die Sprache, das eigenthümliche Product der Geistigkeit, durch allerhand anatomische Präparate hindurch- gehen nnd fertig gemacht werden soll. Etwas der Art empfindet man, wenn man Bindseils Abhandlungen zur allgemeinen vergleichenden Sprachlehre, Hamb. 1838, zur Hand nimmt. Ohne den Ruhm der Phonetik verkümmern zu wollen, sind wir der Meinung, dass diese For- schungen auf keiner Stufe des Gymnasial-Unterrichts in Anwendung gebracht werden können, nicht nur aus dem Grunde, weil das Verständniss derselben durch andere, nicht zum Gymnasial-Zweck gehörende Wissenschaften vermittelt wird, sondern auch desshalb, weil diese Kenntnisse die Humanitäts-Bildung als solche zu fördern nicht geeignet sind, da sie mit Charakter und Schönheits-Gefühl in keine Beziehung treten, auch die Intelligenz nicht auf die leitenden Ideen der Vernunft oder den concreten Geist eines Volkes zu richten vermögen, also für die Erweisung des Lebens in praktischer Wissenschaft und Kunst keine Bedeutung haben. Von ungleich höherem Interesse für die Zwecke des Sprachstudiums ist die Deduction der Sprachgesetze aus dem Geiste oder die Glossologik. Sie kann als philo- sophische Grammatik und als philosophische Rhetorik aufgefasst werden. Wir wollen Einiges aus diesen Theilen derselben berühren, und dann unsere didaklischen Bemerkungen anknüpfen.