Aufsatz 
Versuch, die geoffenbarte Religion und die allgemeine gehörig zu würdigen, und die widerstreitenden Ansichten darüber zu vereinigen
Entstehung
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einſtimmen, ſo waͤre das ein untruͤgliches Zeichen, daß dieſe entweder nicht wirklich geoffenbart, oder daß ſie unrichtig aufgefaßt waͤren. Die Vergleichung der Lehren der Vernunftreligion mit den der Offenbarung beweiſet den ſchoͤnen

Einklang derſelben auch faktiſch.

IV. Welchen von beiden Religionen gebührt der Vorzug?

Um dieſe ſo wichtige Frage gruͤndlich und uͤberzeugend zu beantworten, muͤſſen beide Religionen in folgenden drei Ruͤckſichten mit einander verglichen werden, uaͤmlich: a) in Ruͤckſicht der Gemeinfaßlichkeit; b) in Ruͤckſicht der Mittel zur Erhaltung ihrer Wirkſamkeit; c) in Ruͤckſicht ihrer Wirkungskraft.

4) In Ruͤckſicht der Gemeinfaßlichkeit. Aus dem, oben uͤber Vernunft⸗ wahrheiten und Vernunftreligion, Geſagten erhellt wohl unwiderlegbar, daß ein hoher Bildungsgrad erfordert werde, um die Vernunftlehren uͤber Religion klar, rein und mit Ueberzengung in ſeinem Innern zu vernehmen, und um die⸗ ſelben von vorgeblichen Vernunftwahrheiten ſicher und genau zu unterſcheiden. Da ſich nun nach aller Erfahrung nur der geringſte Theil der Menſchen zu einem ſolchen Bildungsgrade emporſchwingt: ſo bleibt die Vernunftreligion in ihrer Reinheit, Klarheit und Ueberzeugungskraft dem groͤßten Theile der Men⸗ ſchen unzugaͤnglich. Dieſe Behauptung verdient die groͤßte Aufmerkſamkeit und Wuͤrdigung. Denn unberufene Philoſophaſter ohne Kenntniß des Lebens und der Beduͤrfniſſe deſſelben, und ohne Unterſcheidung der Vernunftwahrheiteu von gehaltloſen, irrigen und verderblichen Erzeugniſſen des tauſendfachem Irrthume unterworfenen Verſtandes ſprechen und ſchreiben in einem ſtolzen wegwer⸗ fenden Tone Lehren in die Welt, die ſie fuͤr Vernunftwahrheiten und daher fuͤr untruͤglich ausgeben, die indeſſen nur Mißgeburten eines durch ungezuͤgelte Phantaſie, ausſchweifende Leidenſchaft und grobe Unwiſſenheit irrgeleiteten Verſtandes ſind. Dadurch ſtellen ſie die beſtehenden Formen in Kirche und Staat als vernunftwidrig dar, und verſpotten und verwerfen dieſelben, und