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Gegenſtaͤnde und willkuͤhrlich, und kann daher irren, und irrt tauſendfaͤltig, wie die vielen unrichtigen Begriffe, Urtheile, Schluͤſſe und Syſteme taͤglich be⸗ weiſen. Aller Irrthum des Menſchen faͤllt daher dem Verſtande zur Laſt, in⸗ dem er Begriffe, Urtheile, Schluͤſſe und Syſteme entweder ohne die erforder⸗ lichen Thatſachen, oder ohne die noͤthige Kenntniß derſelben bildet. Da nun die Vernunftwahrheiten im tiefſten Innern des menſchlichen Geiſtes liegen, und daher nicht durch Sinnlichkeit wie Naturgegenſtaͤnde wahrgenommen wer⸗ den koͤnnen; ſo erkennt der Verſtand dieſelben mit Hilfe der Begriffe, Urtheile und Schluͤſſe, wie eine richtige Selbſtbeobachtung uͤberzeugend beweiſ't. Weil nun der Verſtand irren kann, und tauſendfach irrt; ſo geſchieht es ſehr haͤufig, daß der Menſch Behauptungen fuͤr Vernunftwahrheiten und daher fuͤr untruͤg⸗ lich ausgibt, die keine ſind. Werden dieſe Behauptungen nun nachher als ir⸗ rig erkannt, ſo hat der Verſtand geirrt, nicht aber die Vernunft. Daß alſo viele vorgebliche Vernunftwahrheiten nachher falſch befunden werden, unterliegt keinem Zweifel, und die Tagesweisheit foͤrdert derſelben in Religion und Po⸗ litik tauſende zu Tag. Erſt wenn Behauptungen oft von allen Seiten ernſt⸗ lich gepruͤft, und von allen Selbſtdenkern, zu deren Bewußtſein ſie gelangten, einſtimmig fuͤr allgemein und nothwendig gehalten werden, duͤrfen dieſelben als Vernunftwahrheiten und damit als unfehlbar angenommen werden. So ſicher und erhebend daher der Gedanke in der Theorie iſt, daß die Vernunft nicht irren koͤnne; ſo demuͤthigend iſt es wieder, daß er in der Anwendung ſo ſchwierig iſt, und manchfachem Irrthum unterliegt. Indeſſen muͤſſen Alle, denen das Wohl der Menſchen theuer und heilig iſt, aus allen Kraͤften dahin ſtreben, daß die Behauptung, die Vernunft koͤnne nicht irren, allgemein aner⸗ kannt werde; weil erſt dann die Ueberzeugung feſt und unwiderlegbar daſteht, vom Daſein Gottes, von der Freiheit und Unſterblichkeit der Seele und von einem heiligen, alle Menſchen verbindenden Geſetze in dem Herzen des Men⸗ ſchen, fuͤr Geſinnung und That. Denn koͤnnte die Vernunft irren, ſo ſind


