Aufsatz 
Versuch, die geoffenbarte Religion und die allgemeine gehörig zu würdigen, und die widerstreitenden Ansichten darüber zu vereinigen
Entstehung
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wuͤrdigt den Menſchen ſein heiliges Weſen inne zu werden; er hat in der na⸗ tuͤrlichen Ueberzeugung der menſchlichen Vernunft die Religionswahrheiten zu den tiefſten, innerſten Ueberzeugungen des menſchlichen Geiſtes gemacht. Fries im a. W.»Es iſt keine gruͤndliche, deutliche und ſyſtematiſche Theologie moͤglich ohne Vernunftreligion.« Gerlach. Religionsphiloſophie. Halle 1818. So erklaͤren alle oben angefuͤhrte Religionsphiloſophien mit Ausnahme der von Eſchenmayer, daß es eine allgemeine Religion gebe, und daß dieſe erſt den Boden fuͤr jede geoffenbarte bilden muͤſſe.

Hier ſcheint mir nun vor Allem noͤthig zu ſein, das Weſen der Vernunft naͤher zu bezeichnen, und ſie vom Verſtande genau zu unterſcheiden, ſowohl zur Begruͤndung der aufgeſtellten Behauptungen, als auch zum Verſtaͤndniß alles Folgenden. Die Vernunft, das Gottaͤhnliche im Menſchen, iſt die Ouelle aller nothwendigen und allgemeinen Kenntniſſe, Gefuͤhle und Handlungen und damit aller Ideen des Ewigen, aͤußert ſich nothwendig, wie ſie ſich aͤußert, und kann nicht irren. Denn nicht einmal die Kenntniß, daß die Vernunft irren koͤnne, waͤre moͤglich, wenn die Vernunft irren koͤnnte. Denn der Be⸗ hauptende koͤnnte ja dann gerade irren, daß er waͤhnte, die Vernunft koͤnne irren. Nimmt er aber dennoch ſeine Behauptung als gewiß an, ſo legt er ſich ein Vermoͤgen bei, die Wahrheit ſicher zu erkennen, und widerſpricht ſich, und widerlegt ſich ſelbſt. Iſt es daher ausgemacht, daß eine Lehre aus der Vernunft geſchoͤpft iſt, ſo iſt ſie uͤber allen Irrthum erhoben. Dieſe unwider⸗ legbare Wahrheit wird von Vielen noch immer angefochten, meiſtens wegen der Verwechſelung des Verſtandes mit der Vernunft. Der Verſtand iſt das Vermoͤgen des hoͤhern Selbſtbewußtſeins, wie der innere Sinn das Vermoͤgen des niedern der einzelnen Gegenſtaͤnde. Er erhaͤlt ſeinen Stoff von andern Vermoͤgen, vergleicht denſelben und verbindet das Verſchiedene weglaſſend das Einſtimmige zu Begriffen; mit Hilfe der Begriffe bildet er Urtheile, und mit Hilfe dieſer Schluͤſſe und Syſteme. Er aͤußert ſich losgeriſſen vom Sein der