Aufsatz 
Versuch, die geoffenbarte Religion und die allgemeine gehörig zu würdigen, und die widerstreitenden Ansichten darüber zu vereinigen
Entstehung
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Geiſte ausſprachen. Denn wie viele Jahrhunderte moͤgen nicht dahin geſchwun⸗ den ſein, ehe ſich die Menſchen zu dem Kulturgrade in einiger Maßen geord neten Staaten erhoben, wo ſie das Beduͤrfniß fuͤhlten, und erſt faͤhig wurden, ſich Kenntniſſe zu ſammeln. Auf dieſer Bildungsſtufe aber iſt es vor Allem die Außenwelt, auf die der Menſch ſeine Blicke wirft, und erſt nach langem Erforſchen derſelben wendet er unbefriedigt mit der Ausbeute ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit auch auf den eigenen Geiſt. Aber auch hier werden wieder Jahrhun⸗ derte erfordert, bis es endlich nach wiederholten Verirrungen gelingt, die Ver⸗ nunftwahrheiten klar und ſicher zu erkennen.»Der Glaube und die Ahndung der religioͤſen Ueberzeugung leben in dem Geiſte eines jeden Menſchen, aber die Aufhellung des richtigen Urtheils daruͤber hat nach der Verſchiedenheit der Verſtandesbildung unzaͤhlige Abſtufungen; weil ſich die Religionslehren wie jede Ausbildung des Geiſtes nur nach dem Naturgeſetze des Geiſtes entwi⸗ ckeln.« Fries im a. W. Die Geſchichte beſtaͤtigt dieſe Betrachtungen voll⸗ kommen. Denn gab es unter den Voͤlkern der Vorzeit auch ausgezeichnete Weiſe, die helle Blicke in den menſchlichen Geiſt thaten, und einzelne Vernunft⸗ wahrheiten klar ausſprachen; ſo geſchah es doch ohne ſicheres Verfahren, und ohne genuͤgende Begruͤndung fuͤr Andere. Daher wurden dieſe Entdeckungen auch kein Gemeingut. In der neuern Zeit gelangte man endlich zur feſten Entdeckung der Vernunftlehren, und damit zur allgemeinen Religion. Daher glauben und behaupten auch viele achtbare Gelehrte, daß die vortreffliche chriſtliche Religion die Entwickelung der allgemeinen Religion herbeigefuͤhrt und bewirkt habe.»Das Chriſtenthum hat das Goͤttliche der reinen Menſchenver⸗ nunft, aus dem allein ein lebendiges Prinzip der Sittlichkeit hervorgehen kann, durch ſeine Gotteslehre und die Perſoͤnlichkeit Jeſu in das hellſte Licht ge⸗ ſtellt.« von Ammon im a. W.»Das Chriſtenthum hat uns erſt das klare Bewußtſein dieſer Vernunftlehren gebracht. De Wette Vorleſungen uͤber die

Religion. Berlin 1827. 2