Aufsatz 
Versuch, die geoffenbarte Religion und die allgemeine gehörig zu würdigen, und die widerstreitenden Ansichten darüber zu vereinigen
Entstehung
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ſaiſchen und Chriſtlichen, verkuͤndet: ſo glaubten doch einige Gelehrte, eine geoffenbarte Religion widerſpreche der Vernunft, und ſei deßwegen unmoͤglich. Sie ſagen: 1. Die Offenbarung als etwas Aeußeres koͤnne nur durch Erfah⸗ rung erkannt werden. Da dieſe nun nur Natuͤrliches zu vernehmen vermoͤge, die Religionswahrheiten aber uͤbernatuͤrlich ſeien; ſo koͤnne der Menſch dieſel ben nicht durch eine Offenbarung erkennen. 2. Koͤnnen geoffenbarte Wahrhei⸗ ten, die nicht aus der Vernunft geſchoͤpft werden koͤnnten, auch nicht durch Vernunft erkannt werden, und daher auch nicht verbindlich ſein fuͤr die Men ſchen. 3. Koͤnne die Religion als zum Weſen des Meuſchen gehoͤrig unmoͤg lich von einem zufaͤlligen Aeußern, wie die Offenbarung fuͤr den einzelnen Menſchen doch ſei, abhaͤngen, ſondern muͤſſe ihrem Weſen nach in ſeinem Geiſte gegruͤndet ſein, und demſelben immer beiwohnen.

Dieſe Gruͤnde gegen die Offenbarung betreffen nur die rohe, fehlerhafte Anſicht derſelben, aber nicht die gelaͤuterte, richtige, wie ich glaube, leicht zei gen zu koͤnnen. Gegen 1. Die Offenbarung enthaͤlt allerdings Aeußeres, und dieſe Huͤlle kann freilich nur durch Erfahrung erkannt werden. Allein ſie ent⸗ haͤlt auch Ueberſinnliches, Ideelles, wie der fluͤchtigſte Blick darauf zeigt, und dieſes als gleichartig mit dem Ideellen der Vernunft wird durch dieſe, als Vermoͤgen das Ewige zu vernehmen, als Ewiges anerkannt, und ewig aner⸗ kannt werden. Wird nicht eben ſo, um mich eines Beiſpiels zu bedienen, das Wahre in der Ethik des Ariſtoteles immer anerkannt, obgleich dieſelbe Klima⸗ tiſches, Nationales und Oertliches enthaͤlt?

Gegen 2. Die geoffenbarten Wahrheiten ſind aus der unendlichen, ewigen, goͤttlichen Vernunft und daher gleichartig mit den Wahrheiten aus der endli chen, beſchraͤnkten menſchlichen Vernunft, die ein ſchwaches Nachbild der goͤtt⸗ lichen iſt; ſie ſind daher auch durch die Vernunft erkennbar, und fuͤr die Menſchen verbindlich.»Denket ja nicht, ich ſei gekommen, um das Geſetz oder die Propheten aufzuheben: ich bin nicht gekommen, ſie aufzuheben, ſondern ſie