Aufsatz 
Versuch, die geoffenbarte Religion und die allgemeine gehörig zu würdigen, und die widerstreitenden Ansichten darüber zu vereinigen
Entstehung
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in Erfuͤllung zu bringen.« Matth. V, 17.»Alles nun, was ihr wollet, daß euch die Leute thun ſollen, das thut ihnen auch. Denn dieſes iſt das Geſetz und die Propheten.« Matth. VII, 12. Dieſes; Alles, was ihr wollet, iſt nun auch eine Formel in der Vernunftmoral, und wird ſelbſt von Theologen das Geſetz der Natur genannt. Chriſtus, unſer erhabener und goͤttliche Reli⸗ gionsſtifter, erklaͤrt alſo ausdruͤcklich, daß ſeine Lehre mit den Lehren der menſch⸗ lichen Vernunft uͤbereinſtimme. Sie iſt daher auch eben ſo verbindlich fuͤr den Menſchen, wie die Wahrheiten der Vernunft.

Gegen 3. Auch die ewigen Wahrheiten aus menſchlicher Vernunft haͤngen von vielen aͤußern Anregungen und Zufaͤllen ab, wie die Geſchichte unwider⸗ legbar zeigt, und der Verlauf der Abhandlung auch nachweiſen wird. Warum ſind dieſelben ſonſt dem Menſchen nicht eher klar geworden, da er ja die Ver⸗ nunft ſtets in ſich traͤgt?

Mehrere ausgezeichnete Philoſophen haben alle Gruͤnde gegen eine Offen⸗ barung gehoͤrig unterſucht, und widerlegt, und uͤberzeugend bewieſen, daß eine Offenbarung der Vernunft nicht widerſpreche, ſondern darnach moͤglich ſei, unter Andern Fichte. Verſuch einer Kritik aller Offenbarung. Koͤnigsberg 1793. Ueberdieß ſprechen auch alle Religionsphiloſophien die Moͤglichkeit der Offenbarung aus.»Die Annahme einer Offenbarung iſt weder Gottes un⸗ wuͤrdig, noch ſchließt ſie die freie Wirkſamkeit der Vernunft in der Selbſter⸗ ziehung des Menſchen aus.« Krug. Religionslehre. Koͤnigsberg 1819.»Durch alle dieſe Betrachtungen ſoll weiter nichts erwieſen werden, als daß ſich aus Gruͤnden der Vernunft die Unmoͤglichkeit einer uͤbernatuͤrlichen goͤttlichen Be⸗ lehrung nicht behaupten laſſe.« Snell. Religionslehre. Gieſen 1807.»Der Rationaliſt wird weder die innere Moͤglichkeit der Offenbarung uͤberhaupt, noch die Nothwendigkeit einer Offenbarung als eines goͤttlichen Mittels zur Einfuͤhrung der wahren Religion beſtreiten. Kant. Die Religion innerhalb der Grenzen der Vernunft. Koͤnigsberg 1704.»Es koͤnnen weder einzelne