Aufsatz 
Über die Macht der Gewohnheit auf die Gestaltung des menschlichen Lebens
Entstehung
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machen, vor Allem durch vortreffliche Beiſpiele, beſonders von eurer Seite; denn was man am meiſſtn ſchaͤtzt und liebt, wird auch immer vor Allem geuͤbt. 4. Laßt euern Eifer fuͤr die Erziehung der Jugend nicht ſchon erkal⸗ ten, wenn ihr bewirkt habt, daß dieſelbe das Wahre, Gute und Schoͤne liebt und uͤbt, ſondern ſucht durch fortgeſetzte Muͤhe zu bewirken, daß dieſes Lieben und Ueben zur feſten Gewohnheit erſtarke; denn dann erſt duͤrft ihr mit Sicherheit dem Beharren und Wachſen im Guten vertrauen.

II. Von dem Gehorſame, als der Quelle aller guten Gewohnheiten.

Der Gehorſam iſt die Quelle aller guten und ſchoͤnen Gewohnheiten und damit auch aller Tugenden; denn jede gute und ſchoͤne Eigenſchaft des Gei⸗ ſtes wird erſt durch feſte Gewohnheit begruͤndet, wie auch ſchon Ariſtoteles ſagt, i) und eine ſolche Gewohnheit allein durch beharrliche Befolgung der Vorſchriften des Wahren, Guten und Schoͤnen bewirkt, worin ja der Ge horſam beſteht. Um indeſſen dieſe Behauptung ausfuͤhrlicher und ſchaͤrfer zu begruͤnden, betrachte ich:

A. Die Natur und die verſchiedenen Arten des Gehor⸗ ſams und die Mittel dazu.

Der Gehorſam beſteht in Befolgung der Vorſchriften, und wird bewirkt theils durch Furcht oder Hoffnung, theils durch Liebe zum Vorſchreibenden, theils durch die Achtung vor den Vorſchriften, theils durch einige dieſer Gruͤnde, theils durch alle zugleich. Der Gehorſam, wozu der Grund nicht immer vorhanden iſt, heißt unzuverlaͤſſig und voruͤbergehend, wie der Ge⸗

i) M dοεr ès ις πεέόοννεετιαα Aristot. Ethic. Nicom. II, 1.