Aufsatz 
Über die Macht der Gewohnheit auf die Gestaltung des menschlichen Lebens
Entstehung
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vorſtecken, und ſo lange mit großer Beharrlichkeit uͤben, bis ſie bei uns zur feſten Gewohnheit erſtarkt iſt.

Es bedarf nun wohl keines langen Beweiſes, daß durch einzelne Aeuße⸗ rungen und Vorſaͤtze, ſo edel und ernſt ſie auch ſind, die Menſchen das noch nicht ſind, was jene Aeußerungen und Vorſaͤtze ſagen, z. B. der Traͤge iſt durch das Verſprechen, fleißig zu ſeyn, noch nicht fleißig; der Trunken⸗ bold durch den Vorſatz, nuͤchtern zu ſeyn, noch nicht nuͤchtern; denn wie mancher traͤge und unordentliche Schuͤler hat nicht durch die lieb⸗ und ernſt⸗ vollen Worte der Lehrer bewogen ſchon oft Entſchluͤſſe zum thaͤtigen und or dentlichen Leben gefaßt, und ſank doch wieder in die gewohnte Traͤgheit und Unordnung zuruͤck? Wie oft haben ungluͤckliche Gattinnen ihre ſpiel⸗ und trunkſuͤchtigen Gatten durch Bitten und Thraͤnen zu ſchoͤnen Vorſaͤtzen ge⸗ bracht, und doch ergaben ſich dieſelben bald wieder dem gewohnten Spiele, der gewohnten Trunkenheit? Erſt alſo dann, wann edle Vorſaͤtze, wie alles Wahre, Gute und Schoͤne, durch lange puͤnktliche Befolgung zur feſten Gewohnheit erſtarkt ſind, kann man mit Gewißheit auf ihre fernere Haltung vertrauen. Nicht alſo wegen des Vorſatzes, wahrhaft zu ſeyn, wird ein bis⸗ her luͤgenhafter Schuͤler ſchon fuͤr wahrhaft gehalten, ſondern erſt dann, wann Wahrhaftigkeit durch lange Uebung bei ihm zur feſten Gewohnheit geworden iſt. Es gibt nun hier zwei uͤberaus wichtige Geſetze fuͤr die ſchoͤne Geſtaltung des menſchlichen Lebens, naͤmlich: 1. Alles Unwahre, Haͤßliche und Boͤſe, was dir auf immer ein Gegenſtand des Haſſes und Abſcheues bleiben ſoll, vermeide mit der aͤngſtlichſten Sorgfalt, oͤfter zu ſehen, zu hoͤ ren, zu bedenken; weil beim oͤftern Anblicke, beim oͤftern Anhoͤren, beim oͤftern Bedenken des Verwerflichen dein Abſcheu davor ſich allmaͤhlig vermin⸗ dert, dann nicht ſelten gaͤnzlich erliſcht, und ſich noch in die verderbliche Neigung zur Suͤnde verkehrt. 2. Alles Wahre, Gute und Schoͤne, was du