Aufsatz 
Über die Macht der Gewohnheit auf die Gestaltung des menschlichen Lebens
Entstehung
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9 Aublick dieſer Fehler im taͤglichen Umgange mit jenen Ungluͤcklichen allmaͤhlig dieſen ſchuͤtzenden Abſcheu, und verſank endlich ſelbſt in die Anfangs verab⸗ ſcheueten Laſter.

Außer der Sinnlichkeit und dem Gedaͤchtniſſe, aus dem die Gewohnheit erwaͤchſt, hat der Menſch auch ein Vermoͤgen willkuͤhrlicher Aeußerungen, den Verſtand, auch Vermoͤgen der Begriffe, Urtheile und Schluͤſſe genannt. Denn Sinnlichkeit und Gedaͤchtniß ſind Vermoͤgen unwillkuͤhrlicher Aeußerun⸗ gen; weil die Sinnlichkeit den Geiſt zu den Aeußerungen noͤthigt, wozu die Eindruͤcke gemacht werden; und weil ſich auch die gedaͤchtnißmaͤßigen Aeuße rungen nach nothwendigen Geſetzen erwecken, wie Jeden die eigene Beobach tung lehrt. So hoͤre ich nothwendig den Schall einer in der Naͤhe gelaͤute ten Glocke, und erinnere mich nothwendig bei der Vorſtellung der Inſel He⸗ lena des da verſtorbenen Kaiſers. Der Verſtand aber ſchwingt ſich will kuͤhrlich von einem Gegenſtande des Bewußtſeyns zum andern, z. B. von Sokrates auf Trajan, auf Arminius, auf Gregor VII., auf Kant. Der Ver⸗ ſtand iſt es nun auch allein, wodurch wir unſer Leben in Beſitz nehmen, deſſelben Meiſter werden, und der Erziehung im eigentlichen Sinne erſt faͤ hig ſind, indem wir uns dadurch ſelbſtſtaͤndig Zwecke vorſtecken, und dieſel ben willkuͤhrlich verfolgen; denn Sinnlichkeit und Gedaͤchtniß allein machen den Menſchen, wie das Vieh, nur zur mechaniſchen Abrichtung geſchickt. Mit dem Verſtande ſollen wir nun auch die gedaͤchtnißmaͤßigen Aeußerungen und damit die Gewohnheit beherrſchen und uns dienſtbar machen, indem wir das, was uns bleibend und eigen werden ſoll, ſo lange beſonnen und un ausgeſetzt uͤben, bis es zur feſten Gewohnheit erſtarkt. So bildete ſich De mosthenes, der bei der erſten Rede allgemeines Mißfallen erregte, durch die beharrlichſte Uebung zum unuͤbertroffenen Redner. So koͤnnen auch wir

uns noch jetzt jede ſchoͤne Sitte erwerben, die wir uns mit feſtem Willen 2