Aufsatz 
Über die Macht der Gewohnheit auf die Gestaltung des menschlichen Lebens
Entstehung
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Die Wirkungen der Gewohnheit auf das menſchliche Leben ſind zweifa⸗ cher Art, naͤmlich: 1. Koͤrperliche und geiſtige Thaͤtigkeiten werden durch Gewohnheit verſtaͤrkt und zu Fertigkeiten erhoben. 2. Widrige Eindruͤcke werden durch Gewohnheit geſchwaͤcht, verlieren nicht ſelten alles Abſtoßende, und werden zuletzt oft noch angenehm. Beiſpiele zur erſten Wirkung ſind: Der Schreibſchuͤler, der nach langer Uebung alle Buchſtaben ſchnell und gleich⸗ ſam bewußtlos zeichnet, die er Anfangs bei der groͤßten Aufmerkſamkeit nur langſam zu zeichnen vermochte. Der Mathematiker, welcher nach langer Uebung ſehr ſchwere Beweiſe mit großer Leichtigkeit ſchnell durchlaͤuft, die er Anfangs bei großer Anſtrengung nur langſam erkannte. Beiſpiele zur zweiten Wirkung ſind: Durch Gewohnheit werden wir gegen die widrigen Eindruͤcke der Witterung, e) gewiſſer Speiſen und Getraͤnke, des Tabaks, einer Beſchaͤftigung, ¹) eines Schmerzes, s) eines Ungluͤcks,) zuerſt immer unempfindlicher, dann oft gleichguͤltig, und gewinnen manchmal dieſelben noch lieb. Aber auch gegen den heiligen Abſcheu vor dem Falſchen, Haͤßli⸗ chen und Boͤſen hat Gewohnheit oft dieſelbe Wirkung erzeugt. Denn man cher vortreffliche Juͤngling, der Anfangs den heftigſten Abſcheu vor der Traͤg⸗ heit, der Unordnung, dem Ungehorſame, der Unanſtaͤndigkeit, den Laſtern roher, verderbter Geſellen empfand, verlor nachher durch den haͤufigen

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*) Pernoctant venatores in nive: in montibus uri se patiuntur. Cic. Tus- cul. disput. II, 4o.

f) Ferre labores, contemnere vulnus, consuetudo docet. Cic. Tuscul. dis- put. II, 38.

8) Nullus dolor est, quem longinquitas temporis non minuat ac molliat. Cic. Epist. ad div. V, 5.

n) Nullo melius nomine natura de nobis meruit, quam quod calamitatum mollimentum consuetudinem invenit. Senec. I de tranquil. X.