Aufsatz 
Über die Macht der Gewohnheit auf die Gestaltung des menschlichen Lebens
Entstehung
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ſen Zuſtand der menſchlichen Aeußerungen nun nennen wir Gewohnheit, von der ſchon Cicero ſagte, daß ſie eine andere Natur ſey, c) damit aber auch die große Gewalt derſelben auf die Geſtaltung des menſchlichen Lebens ſehr treffend bezeichnete. Die große Macht der Gewohnheit wird auch durch folgende Beiſpiele gezeigt: Wie ſchwer faͤllt es nicht, die in der Jugend an⸗ gewoͤhnten Sprachfehler und Unanſtaͤndigkeiten abzulegen? 4) Wie mancher unordentliche Menſch hat nicht, durch Schaden und Vorſtellungen bewogen, ſchon oft ernſte Entſchluͤſſe zum ordentlichen Leben gefaßt, und iſt doch bei der erſten Veranlaſſung wieder in die gewohnte Unordnung geſunken? Aber viele wuͤrdige Maͤnner haben auch ſchon oͤffentlich erklaͤrt, daß der ih nen im elterlichen Hauſe eingepflanzte heilige Abſcheu vor allem Falſchen, Haͤßlichen und Boͤſen ſie in den gefaͤhrlichſten Verſuchungen des Lebens vor ſchaͤndlicher Verirrung und Ausſchweifung bewahrt habe. Eine Gewohnheit heißt ſchwach, wenn ſie entweder noch nicht lange beſteht, oder doch ſeltenen Wiederholungen ihre Entſtehung verdankt. Eine Gewohnheit heißt ſtark, wenn ſie entweder ſchon lange beſteht, oder doch aus ſehr haͤufigen Wieder⸗ holungen entſtand. Bei der Jugend ſind die Gewohnheiten meiſtens noch ſchwach, und daher auch noch leicht zu verdraͤngen; aber bei Erwachſenen erreichen ſie oft eine unglaubliche Macht. Die Jugend wird daher auch leich⸗ ter an Etwas gewoͤhnt, als Erwachſene; weil der biegſame Koͤrper und Geiſt der Jugend weit weniger der neuen Richtung widerſteht, die eine Gewohn⸗ heit bringt, als der unbiegſamere Koͤrper und feſtere Geiſt im maͤnnlichen Alter. Aus demſelben Grunde werden aber auch die Gewohnheiten der Ju⸗ gend leichter verdraͤngt, als die der Alten.

c) Cicero de finibus bon. V, 74. 1 d) Natura tenacissimi sumus eorum, quae rudibus annis percepimus. Quin- til. I, 5.