Aufsatz 
Über die Macht der Gewohnheit auf die Gestaltung des menschlichen Lebens
Entstehung
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mender der jetzige Geiſteszuſtand mit denſelben iſt: deſto leichter ruft eine davon, deren wir uns wieder erinnern, die andere in's unmittelbare Be⸗ wußtſeyn zuruͤck. So bringt uns der Jahrestag wichtiger Ereigniſſe dieſel ben wieder in's Andenken. Wir erinnern uns beim Anhoͤren der erſten Worte eines in fruͤhern Jahren oft geſungenen Liedes deſſelben wieder. Es faͤllt uns beim Anblicke eines fremden Menſchen oft ein ihm aͤhnlicher ein. Der Frohe erinnert ſich des Erfreulichen, der Traurige des Betruͤ⸗ benden, der Furchtſame des Fuͤrchterlichen. Hieraus folgt dann mit Ge⸗ wißheit, daß uns die Aeußerung am leichteſten nnd oͤfteſten einfaͤllt, welche wir am haͤufigſten hatten; weil ſie naͤmlich mit unendlich vielen andern im Geiſte enge verbunden worden iſt, von denen jede dieſelbe wieder in's An⸗ denken ruft. So erinnert uns jede Stunde, jede Stelle, jeder Vorfall an den theuern Verſtorbenen, an deſſen Seite wir ſo viele Jahre in gluͤcklicher Eintracht verlebten. Es folgt ferner aus dem Bisherigen, und wird auch durch Erfahrung beſtaͤtigt, daß ſich die gedaͤchtnißmaͤßigen Aeußerungen un⸗ willkuͤhrlich nach einem nothwendigen Geſetze in's Andenken zuruͤckrufen. So ruft die Erinnerung an Hermann dem Geſchichtskundigen auch nothwendig die edle Thusnelda, den Verraͤther Segeſt und die roͤmiſchen Draͤnger in's Andenken zuruͤck.

Haben wir nun eine Aeußerung ſehr oft, ſo wird dieſelbe mit unzaͤhli⸗ gen andern Aeußerungen im Geiſte enge verknuͤpft, und wir erinnern uns derſelben unwillkuͤhrlich bei jeder Gelegenheit. Aber auch die einzelnen Ein⸗ druͤcke der Aeußerungen ſummiren ſich in dieſem Falle zu einem Geſammt⸗ eindrucke von großer Gewalt,) der dem Menſchen eine bleibende Richtung ertheilt, die ungerufen und nothwendig bei jeder Gelegenheit erſcheint. Die⸗

b) Gutta cavat lapidem, non vi, sed saepe cadendo.