Aufsatz 
Über die Entartung der Jugend in der neueren Zeit
Entstehung
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That, ſondern auch der Geſinnung mit dem Geſetze. Von der Politit als Tugend gilt, was Matth. XXIII. 27. und I. ſteht.

) Wer ein unwandelbares von den Geſetzen der Natur verſchiedenes

Geſetz fuͤr Geſinnung und That annimmt, nimmt auch damit die Un⸗ abhaͤngigkeit des menſchlichen Geiſtes von den unvermeidlichen Geſetzen der Natur, d. h. die Freiheit der Seele an, ohne die jenes Geſetz und ſelbſt der Begriff der Tugend Undinge waͤren. Iſt unſre Seele aber frei, d. h. unabhaͤngig von den Geſetzen der Natur, ſo kommt ihr ein uͤbernatuͤrliches, ewiges Sein zu, und die ſtarren Geſetze der Natur koͤnnen ſie nicht treffen, ſie iſt unſterblich. Sind wir frei, ſo ſind wir unſterblich. Fries Wiſſen, Glauben und Ahnen ſ. 164. Daß aber Tugend ohne Ueberzeugung von der Unſterblichkeit Thorheit und Unſinn ſei, und nicht beſtehen koͤnne, haben viele Gelehrte ſchon laͤngſt uͤberzeugend gezeigt und noch juͤngſt Bouterweck in der Religion der Vernunft 1824. Warum ſoll ich einem Geſetze folgen, das ohne Annahme eines freien und ewigen Seins meiner Seele alle Bedeu⸗ tung verliert? Warum ſoll ich den Menſchen, auch wenn es kein Auge eines weltlichen Richters ſieht, anders behandeln, wie die uͤbri⸗ gen Naturdinge, wenn auch er ein bloßes Naturding iſt? Warum ſoll ich alle Vergnuͤgen und Vortheile aufopfern, wenn ſie der Tugend zuwider ſind? Denn iſt Alles irdiſch und vergaͤnglich, warum dann nicht eher an dem feſthalten, was mir als das Liebſte erſcheint? Warum endlich ſoll ich mein Leben hingeben, wenn ſeine Erhaltung mit der Tugend ſtreitet? Denn iſt alles irdiſch und vergaͤnglich, ſo iſt es doch wohl die ſchrecklichſte und ſchimpflichſte Thorheit, die Be⸗ dingung alles irdiſchen Begehrens, Beſitzes und Genuſſes, naͤmlich das Leben, hinzugeben, um durch den Tod, der dann alles Beſitzes