— 44— II. Die nothwendigen Bedingungen zu einem tugend⸗ haften Leben.
Einleuchtend und unwiderleglich iſt nun wohl die Behauptung: Die ſitt⸗ liche Guͤte der Menſchen iſt nothwendig durch ihre Feſtigkeit in den Grund⸗ ſaͤtzen der Tugend und durch ihre tiefe und lebendige Ehrfurcht vor denſelben bedingt, ſo daß die Menſchen in dem Maße ſittlich vollkommen werden, in welchem ihre Feſtigkeit in den Grundſaͤtzen der Tugend und ihre tiefe und lebendige Ehrfurcht vor denſelben zunimmt.
Gleich gewiß und unwiderlegbar iſt aber nun auch die Behauptung: Es iſt keine Tugend moͤglich ohne feſte Ueberzeugung vom Daſein Gottes, von der Freiheit und Unſterblichkeit der Seele und von einem unwandelbaren heiligen Geſetze fuͤr Geſinnung und That, das die allwaltende Liebe ins Menſchenherz ſchrieb, und noch durch eine beſondere Offenbarung verſtaͤnd⸗ licher und wirkſamer machte.
41) Iſt Tugend nicht einmal denkbar ohne Annahme eines von den Ge⸗ ſetzen der Natur verſchiedenen unwandelbaren Geſetzes fuͤr Geſinnung und That; weil Tugend gerade in der Beſolgung eines ſolchen Ge⸗ ſetzes beſteht. Nennt man freilich die Befolgung der Geſetze des Staa⸗ tes und der Convention ſchon Tugend; ſo laͤßt ſich allerdings deren Befolgung ohne dieſe Annahme theils aus zu hoffendem irdiſchen Ge⸗ winne, theils aus zu fuͤrchtendem irdiſchem Verluſte ſo lange wohl denken, als dieſe Antriebe vorhanden ſind: allein im Verborgenen, und wann uns Macht vor irdiſchem Nachtheile ſchuͤtzt, wird dieſe ſo⸗ genannte Tugend, die nichts als Eigenliebe und feile Politik iſt, gaͤnzlich verſchwinden, die ohne dieß die Geſinnung gar nicht beruͤhrt. Und doch fodert wahre Tugend nicht allein Uebereinſtimmung der


