— 6—
2) Die Vernunft im weiteſten Sinne, im Gegenſatze mit der Erfahrung, b iſt die Quelle aller allgemeinen und nothwendigen Kenntniſſe. Ver⸗ nunſtkenntniſſe kommen nicht von Außen in den Geiſt, ſondern gehen aus demſelben hervor, indem man ſie durch Denken erhaͤlt; ſie ſind daher auch nothwendig und allgemein; in Anſehung ihrer unterſcheiden ſich die Menſchen in ſolche, die ſich derſelben mit Klarheit bewußt ſind, und in ſolche, denen ſie ohne klares Bewußtſeyn gleichſam als Inſtinct beiwohnen; endlich ſind ſie nicht allein auf Gegenſtaͤnde des endlichen Seins beſchraͤnkt.
Sie werden eingetheilt in mathematiſche und philoſophiſche. Jene werden in reiner Anſchauung klar, dieſe allein durch Denken. Die Kenntniß: Zwei Winkel eines Dreiecks ſind kleiner als zwei rechte, iſt mathematiſch; und die: Die Subſtanzen der Dinge dauern, philo⸗ ſophiſch. Die philoſophiſchen Kenntniſſe ſind nun wieder entweder logiſch oder metaphyſiſch. Jene folgen aus bloßen Begriffen, z. B. die Kenntniß: Jeder Tiſch iſt ausgedehnt. Dieſe kommen zwar auch nur in Begriffen zum Bewußtſeyn, entſtehen aber nicht daraus, ſondern haben ihre eigene Quelle unmittelbar in der Vernunft z. B. die Kennt⸗ niß: Alles, was geſchieht, hat eine Urſache. Beziehen ſich nun die metaphyſiſchen Kenntniſſe auf Gegenſtaͤnde der Natur, ſo heißen ſie reinphyſiſch z. B. die Kenntniß: Jede Urſache iſt wieder die Wirkung einer andern Urſache; erheben ſie ſich aber uͤber die Natur zum ewigen Sein, ſo heißen ſie uͤberſinnlich oder ideell z. B. die Kenntniß: Es gibt eine abſolute ewige Urſache als Schoͤpfer des Weltalls.
3) Daß nun die Ausbildung der Vernunft als Quelle der mathematiſchen, logiſchen und reinphyſiſchen Erkenntniß zur Bildung des Kopfes ge⸗ hoͤrt, iſt Jedem von ſelbſt gleich klar. Eben ſo einleuchtend iſt es


