Aufsatz 
Über die sittlich religiöse Bildung und ihre vorzüglichsten Wirkungen auf die Gestaltung eines guten und schönen Lebens
Entstehung
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1) Der Gegenſtand des logiſchen Glaubens iſt eine Sache der Natur, von der ich noch nicht alle Gruͤnde weiß, die indeſſen Andern ſchon bekannt ſein, oder ihnen und mir ſelbſt doch bekannt werden können: der Gegenſtand des Vernunftglaubens aber iſt das Ewige, das nie ein Sterblicher zu wiſ⸗ ſen vermag.

2) Der logiſche Glaube kann truͤgen, und hat ſchon mannigmal getro⸗ gen: allein der Vernunftglaube iſt untruͤglich, er iſt das Vernehmen der vom liebenden Allvater unſerem Herzen eingeſenkten göttlichen Stimme.

C. Wie wir durch die verſchiedenen Organe des aàußern Sinnes zwar ver⸗ ſchiedene Eigenſchaften der Dinge erkennen, aber nicht vorſchiedene Dinge: eben ſo erkennen wir durch das Wiſſen und Glauben zwar verſchiedene Welt⸗ ordnungen, aber nicht verſchiedene Welten. Denn nur wegen der Unvollend⸗ barkeit der Welt in Raum und Zeit glauben wir an eine hoöͤhere, ewige Weltordnung: es iſt alſo nur da Glaube an ein Ewiges, wo ein Wiſſen um ein Endliches iſt, und daher die Welt des Wiſſens und des Glaubens dieſelbe. Sie heißt die niedere Weltordnung oder die endliche oder Erſchei⸗ nungswelt, wiefern ſie durch die ſinnliche Art des menſchlichen Wiſſens be⸗ ſchraͤnkt und getruͤbt iſt; ſie heißt die hoͤhere oder ewige Weltordnung, wiefern ſie durch Aufhebung dieſer Schranken im Glauben erkannt wird.

Sofern nun die Vernunft durch nothwendige Gefuͤhle im Endlichen das Ewige vernimmt, nennen wir das Bewußtſein davon Ahnen. Wer je mit freiem Gemuͤthe eine ſchoͤne Landſchaft, das majeſtaͤtiſche Schauſpiel der aufgehenden Sonne, oder die unuͤbertreffliche Pracht des geſtirnten Him⸗ mels ſchauete, der kennt das göttliche Ahnen, das auch in der Sprache des Lebens das Vernehmen der Spuren der goͤttlichen Vorſehnng heißt. Feſt iſt unſer Wiſſen um das Endliche und unſer Glaube an das Ewige: aber

eben ſo feſt iſt unſer Ahnen des Ewigen im Endlichen. In den Schöͤnhei⸗ 2