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Sprachen zeigt. Die Sprache iſt daher der richtigſte Abdruck von dem Bildungsgrade eines Volkes, und, wie Fries ſagt, gleichſam die öffentliche Vernunft deſſelben. Hieraus folgt nun, daß rohe Völker rohe Sprachen, und gebildete Völker auch gebildete Sprachen haben. Alle lebende Sprachen ſind alſo auch Veränderungen unterworfen, wie die Völker, deren Mutterſprachen ſie ſind, ſie können daher auch noch ferner ausgebildet werden, nicht aber die todten Sprachen, die deswegen auch geſchloſſene heißen.
§. 4.
In der Sprache eines Volkes ſpricht ſich ſein Geiſt, ſein ganzes Weſen, ſeine Volksthümlichkeit aus. Je vollſtändiger daher Jemand die Sprache eines Volkes kennt, deſto tiefer blickt er in den Geiſt deſſelben; und umgekehrt je vollkommener Jemand die Sprache eines Volkes erlernen will, deſto eifriger muß er ſich beſtreben, in den Geiſt deſſelben einzudringen. Hieraus folgt dann, daß es keine leichte Sache ſei, eine fremde Sprache, beſonders eine todte, in einem hohen Grade zu erlernen. Denn erſt aus der genauen Kenntniß der Geſchichte und des Schriftenthums der Völker lernt man ihren Geiſt kennen, vorzüglich aber durch einen langen Aufenthalt unter denſelben. Außerdem, daß nun bei einem untergegangenen Volke der Aufenthalt als unmöglich wegfällt, iſt es aber auch in mancher Hinſicht noch leichter, die Geſchichte und das Schriftenthum eines beſtehenden, als eines untergegangenen Volkes kennen zu lernen, beſonders wenn das beſtehende Volk in mehrfacher Berührung mit dem unſrigen ſteht, und beiläufig gleiche Bildung mit demſelben hat und gleiche Bedürfniſſe.
§. 5.
Einen Menſchen bilden, heißt: 1) die Anlagen deſſelben harmoniſch anregen, entwickeln und kräftigen, und 2) ihm die nöthigen Kenntniſſe und Fertigkeiten beibringen. In dem Erſten beſteht die innere oder formale Bildung und in dem Zweiten die äußere oder materiale. Ein Gegenſtand nun, welcher durch eine zweckmäßige Behandlung vorzüglich geſchickt iſt, den Menſchen zu bilden, heißt Bildungsmittel, und zwar ein inneres oder äußeres, nachdem es


