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Zeichen für die Aeußerungen des Geiſtes heißt nun Sprache im weitern Sinne, und wird nach der Verſchiedenheit der Zeichen in Gebehrden:, Geſichts⸗, Buder⸗ und Wortſprache eingetheilt. Unter dieſen iſt aber die Wortſprache wegen der Leichtigkeit, des Reichthums und der Mittheilbarkeit der Zeichen in allen Verhältniſſen die vollkommenſte, beſonders in Verbindung mit der Schriftſprache, wodurch die ſchnell verfliegenden Laute feſtgehalten werden. Unter Sprache im eigentlichen Sinne verſteht man daher auch immer die Wortſprache, welche ein Syſtem von artikulirten Tonen iſt zur Bezeichnung der Aeußerungen des Geiſtes.
§. 2.
Aber auch die Wortſprache iſt nicht auf der ganzen Erde die nämliche. Alles nämlich, was die in verſchiedenen Ländern wohnenden Menſchen ſo verſchieden geſtaltete, bewirkte auch die Verſchiedenheit der artikulirten Töne, mit denen ſie die Aeußerungen ihres Geiſtes bezeichneten. Diejenigen Menſchen, welche bei einer gemeinſchaftlichen Abſtammung ſich der nämlichen Wörter zur Bezeichnung der Thätigkeiten der Seele bedienen, machen ein Volk aus, und ihre Sprache heißt in Rückſicht auf ſie Mutterſprache, und jede andere eine fremde. Ferner heißt eine Sprache eine lebende, wenn ſie die Mutterſprache eines noch beſtehenden Volkes iſt, und eine todte, wenn ſie die Mutter: ſprache eines untergegangenen Volkes war.
§. 3.
Im Stande der Rohheit eines Volkes, in welchem es nur wenige Kenntniſſe, Gefühle und Begierden hat, bedarf es auch nur weniger Wörter, um dieſelben zu bezeichnen; ſeine Sprache iſt daher arm und roh. In dem Maße ſich aber die Aeußerungen ſeines Geiſtes erweitern und vervollkommnen, in eben dem Maße wird auch ſeine Sprache reicher und vollkommner. Aber auch die vollkommener gewordene Sprache wirkt wieder mächtig auf die Bildung des Geiſtes zurück, weil die gewonnene Bildung nun feſtgehalten und Andern mitgetheilt werden kann. So bedingen ſich Geiſtes- und Sprachbildung eines Volkes wechfelweiſe, wie auch die Bildungsgeſchichte der Völker und ihrer


