Aufsatz 
Fürst Bismarck : Rede, gehalten am Geburtstage Sr. Majestät des Kaisers, 27. Januar 1897 / von Otto Ankel
Entstehung
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XVI

Beheimen Legationsrats als erster Sekretär der preussischen Bundestagsgesandtschaft nach Frank- furt a. M. geschickt. Ohne Zögern nahm er an, und als ihm Friedrich Wilhelm ob der Raschheit, des Entschlusses seine Verwunderung aussprach, erwiderte Bismarck offen:Euer Majestät können ées ja versuchen; geht es nicht, so kann ich ja nach sechs Monaten oder früher wieder abberufen werden Es ging, und schon im Juli ward er an v. Rochows Stelle zum Gesandten beim Bundes- tag ernannt. Frankfurt ist für Bismarck das heilsame Damaskus geworden, wo aus dem stock- preussischen Saulus ein urdeutscher Paulus ward. Hatte er bisher in dem durch die Metternichsche Politik gepflegten Wahne gelebt, nur Arm in Arm mit österreich könne Preussen seine Wege wandeln, so wurde er in Frankfurt recht gründlich eines andern belehrt. Hier sah er mit eignen Augen den ganzen bundesstaatlichen Jammer und hörte mit eigunen Ohren, dass Österreichs leiten- der Minister Schwarzenberg nur darauf aus war, Preussen mit Hilfe der nichtpreussischen Staaten niederzuhalten und seinen durchaus undeutschen, selbstsüchtigen Interessen dienstbar zu machen. Avilir la Prusse et puis démolir das war Schwarzenbergs Wahlspruch. Bismarck betrachtete es als seine vornehmste Pflicht, zum Wohle Preussens und zum Heile Deutschlands hier Wandel zu schaffen. Es dauerte auch gar nicht lange, da merkten die Herren beim Bunde und besonders der Osterreicher Graf Thun, dass jetzt ein andrer Wind wehe, und dass sich ein Bismarck nicht, wie knechtschaffenerweise die Gesandten der Mittel- und Kleinstaaten, ins Schlepptau nehmen lasse. Er war nicht der Ansicht, dass die Sprache dazu da sei, die Gedanken zu verbergen, im Gegen- teil, er redete verblüffend deutlich; er huldigte auch nicht der Meinung, dass die Diplomatie die Kunst sei, zu schleichen, zu täuschen und zu übervorteilen, rechnete vielmehr stets mit, wirklichen Machtverhältnissen und stellte demgemäss Angebot und Nachfrage. Dass die Zeit des Duckens vorbei war, dafür nur ein Beispiel. Graf Thun, der österreichische Vorsitzende am Bunde, pflegte in den Sitzungen zu rauchen, ein Genuss, den die andern Gesandten sich ehr- erbietig zu versagen bis dahin die kleinstaatliche Bescheidenheit besessen hatten. Nicht so Bismarck. Schon in der zweiten Sitzuug bat er die Präsidialmacht um Feuer, das diese ihm nicht versagen mochte. Nun rauchten Österreich und Preussen. Auch die andern, nachdem sie von ihren Höfen und Höfchen Verhaltungsmassregeln eingeholt, folgten nach, zuerst Baiern, dann Sachsen, und selbst. Württemberg, obwohl es Nichtraucher war, rauchte auf Gefahr der üblen Folgen eine strohgelbe Habana auf dem Altar der unbefleckten Staatssouveränität. Für die Auffassung, die Bismarck von dem Bunde hatte, ist auch folgende Begebenheit bezeichnend. Bismarck befand sich im Jahre 55 in dienstlichen Geschäften in München und wehnte in Uniform als Landwehroffizier, geschmückt mit einer Anzahl Orden, denen ein Diplomat bekanntlich nicht entgehen kann, einer Heerschau bei. Da fragte ihn, auf die Orden zeigend, ein österreichischer General:Alle vor dem Feind erworben, Excellenz?Jawohl, antwortete Bismarck, alle vor dem Feind, alle in Frankfurt! Bismarck wohnte in Frankfurt zuerst ein Jahr in einer Rothschildschen Villa an der Bockenheimer Land- strasse, wo zuvor der Erzherzog Johann als Reichsverweser zeitweise residiert hatte, dann in der Gallusgasse, wo sich seit einigen Jahren eine Gedenktafel am Hause befindet. Hier sammelte sich um ihn als liebenswürdigen Wirt ein erlesener Kreis von Männern: Diplomaten, Offiziere, Künstler, Schriftsteller. Besonders vertraut war er mit dem Maler Jakob Becker. Die nähere und weitere Um- gebung Frankfurts lernte Bismarck auf häufigen Ausflügen gründlich kennen, und als leidenschaftlicher

Jäger hat er auch den Taunus, Spessart und Odenwald gar oft besucht. Uber all dem aber ver-